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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-25 · 9 (25.7.1919) · p. Seite 90

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
9 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 90 (sequence 4)
Language
German
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\ uns verbreitet, die unsere Väter nicht kannten, und die für jeden Preis zu teuer gekauft werden. Jrreligion, Üppigkeit und Weichlichkeit, dieses Unkraut, das au» dem Mißbrauch der Aufklärung und Kultur hcrvorkeimt, hat leider auch unter uns Wurzel geschlagen, und wir sind, vorzüglich in den Hauptstädten, der großen Gefahr ausgesetzt, daß der Strom der Kultur mit der Roheit auch die Strenge und Einfalt der Sitten lvegschwemmt." Und so^dachten alle die Männer — es waren freilich nur sehr, sehr wenige! — die das Beispiel Mendelssohns als'eigenes Lebensideal trugen und es zu einem Programm für die Judenheit hatten machen wollen. Sie hatten sich ihr Werk und Wort als eine Rettung des Judentums gedacht, als eine Hinüberrettung in eine neue Ära. Gewiß, weder Mendelssohn noch sie halten auf diese Wandlung bestimmend einwirken können, die aus der ganzen Konstellation im Rcformzcitalter sich ergab. Allein die Unternehmungen und konzessionsreichen Mahnrufe ihrer Ratlosigkeit verschlimmerten die Situation noch; die Aufklärungsweltanschauung war schon einer tieferen Erkenntnis der Dinge gewichen; und die kalte Gottesfurcht durch die Seele inniger und reidjer befriedigende Religiosität entthront. Die Getreuen Mendelssohns beteten aber immer noch die Leitsätze ihres Meisters her — und gaben den Hungernden — denen, die nach dem großen Gott unserer dunklen Stunden hungern — nur Steine statt Brot. So ergab sich denn eine Deroute auf der ganzen Linie: Tie tieferen Elemente stieß die Nüchternheit der Berliner Aufklärung ab und trieb sie in die weichlich-mystische Religion Schleiermachers. Die Alllagsjuden suchten Vergessenheit im Genuß der neuen Freiheit und retteten ihre Eigenart durch den hämischen Spott, mit dem sic über alle Größe dinüberkamen. — — Dieser Wandel mußt? naturgemäß den Zeitgenossen (den nichtjüdischen) besonders auffallen. Früher war ihnen der Jude ein Rätsel. ^Sein ganzes Gehaben, sein Denken und seine Lebensformen erschienen ihnen wie aus einer, anderen Welt. Wenn er den Juden verhöhnte, wenn er ihn verachtete und ihm alle Laster andichtcte und alles Unglück zuschrieb, so tat er es, locif der Jude ihm ein Fremder war. Das aber ist das große Geschichtsphänomen, daß in dem Augenblick, wo sich das Leben der Juden nicht mehr in verrammelten Häusern, sondern vor der breiten Öffentlichkeit abrollte, alten sichtbarlich, allzu sichtbarlich abrollte, daß in dem Augenblicke die Juden der Bevölkerung — noch fremder wurden. Selbst diejenigen Christen, die unter dem Zwange von Humanitäts- und Aufklärungsidealen an einer Besserung der jüdischen Zustände ernsthaft Mitarbeiten wollen, sehen, entsetzt dem Treiben der neumodischen Juden zu. Der Berliner Geistliche C. W. Spieker gibt in seinen „Briefen an den Herausgeber der Sulamith" ■•), den er bei seinem erziehlichen Wirken unter der jüdischen Nation mit ehrlichen Ratschlägen fördern lvill, eine entsetzte Schilderung der innerlichen und äußeren Verfassung der „besseren" jüdischen Kreise. Um wie viel boshafter mußte erst die Kritik des Hasses sein! Als Grattenauer 1603 seinen Schriftenkampf gegen die Juden einleitete, brauchte er nach der Übung wohl der meisten, die im 1«; Jahrhundert Gifte wider Israel spieen, sich nicht darauf zu beschränken ®), „Eisenmengers Buch, ohne Prüfung und Kritik" auszuschreiben. Er konnte sich ein neues, ftuchtbares Gewaffen schmieden, das seine Brüder in Haß annoch nicht geschwungen hatten: Die Schilderung und Würdigung der Endergebnisse der Aufklärung bei den Juden *). Der Erfolg dieser Schriften muß ein durchschlagender gewesen sein — cs muß wohl die Stimmung der Massen darin in packender Weise wiedergegeben sein. Und keine Tatsache charakterisiert die tiefere Erregung mehr, »lLNi-- 4) Sulamith, Zeilschr. z. Besörd. b. Kultur u. Humanität unter d. jüd. Nation. Lpz. 1806. S, 398—410. 5) Wider die Juden. Ein Wort der Warnung an olle unsere christlichen Mitbürger. 6. «ufl. Berlin 1803. S. 55. . 6s Uber Grattenauer» Schriftenkampf s. Geiger a. a. O. Bd. II, 301—»19. Einige packende Zitate bei »rätz. XI 6. 256 ff. daß der Minister v. Hardenberg durch Machtspruch die Fortführung dieser Debatte inhibieren mußte. Der Kampf war damit gewaUsam niedergeschlagen worden — der Standpunkt, den die Bevölkerung jii den Juden aber einnahm, wurde dadurch kaum geändert. Jmnier neue Kreise wurden in Hie Sturmflut ber_ Aufklärerei hineingezogen: an Nahrung für die antijüdische Stimmung hat's da wohl kaum gefehlt. -Und sie brach immer wieder mit elementarer Wucht durch! Es ist eine verzerrte Darstellung jener Zustände — und nur die tröstenden Folgerungen für die liberale Judenheit macht sie verständlich — wenn das erneute Wiederauffackern des Judenhasses nach den Befteiungskriegen mit der nun einsetzenden Reaktion erklärt wird. Wenn auch die preußische Regierung den Juden das Emanzipationsedikt vom III März 1812 durch Neubestimmungen zu verekeln begann und die Hansastädte — in der die B ü rgerschaft das Steuer führte — sich aus den Beschlüssen der Wiener Konferenz herauszuwinden suchten, so bleibt doch die Tatsache bestehen: daß der Judenhaß gerade in der Bürgermasse immer vernehmlicher wurde und in den Kreiv sen, denen die Reaktion von oben in erster Reihe galt, und . die am wuchtigsten gegen die Reaktion aiikämpften und sie schließlich mit der Wucht des nationalen Gedankens zu Boden geschmettert hat. Bei aller Engherzigkeit und Intoleranz hat z. B. in Preußen die Regierung die Judenschaft noch geschützt. Ihre Reform des Judenwesens war aber aus allgemeinen staatsrechtlichen Ideen, aich sozialen und wirtschaftlichen Unzuträglichkciten herausgewachsen und dem Volke aufgedrängt ivorden. Sie war nicht die Kodifizierung des Volkswillens und der Volksstimmung, sondern kam nur einem engen Bezirk seiner wirtschaftlichen Interessensphäre, einem kleinen Aufbaupartikel seines Gemütsinhaltes entgegen. Die Folgezeit hat diese Wahrheit deutlich herausgearbeitet und sie in den mannigfachsten Reflexen offenbart. Nicht zum wenigsten lehrt die Literatur, wie die Aufklärung die Stammesgegensätzlichkeit nur unter neuen Firmen und vielleicht sogar gesteigert durchgesetzt hat. War es einst der Jude, der Wucherer, über den geflucht wird, so ergießen sich jetzt alle Schleusen des Spottes über den „Gebildeten" und „Aufgeklärten". Der Erfolg, den Sessa mit seinem Stück „Unser Verkehr" hatte, spiegelt die Volks- > stimmung genau wieder. In Berlin hatten die Juden die Aufführung für etwa zwei Monate hintertrieben. Um so wilder brach nun der Jubel durch und wälzte sich durch ganz Deutschland, als das Stück freigegeben war. Die Juden wurden bös mitgenommen. Aber^mit besonderem Wohlgefallen wuroen die beiden Gebildeten gezeichnet: die schöne Lydie, die in der — Kirche das Requiem von „Mossart" singt, und Jsidorus Morgenläirdcr, der erste jüdische Student. Einst hieß er Jsachar. Aber in e i n e m Jahre hat er die Weisheit seiner Zeit auf allen Universitäten eingesogen und — „als deutscher Jüngling lernt' ich fechten mit dem Stoßrappier." Er hat die hohe Bildung in sich, und diegereimten Worte seiner Ungereimtheiten schreiten auf Stelzen einher. Wieviel bctveglicher sind da die beiden Buben jn Julius v. Voß4 5 * 7): „Böse Beispiele verderben gute. Sitten". Sie haben sich am Abend des Versöhnungstages aus dem Tempel geschlichen. Der eine hat sich vor- . sorglich eine Braunschweiger Wurst beschafft und sucht nun seinen Bruder zur Beteiligung an dem treifenen Essen zu animieren: „Ich will dir sägen, warum sind gemacht die Fasttage, warum? Denn ich Hab' mich gelegt auf die Geschichte, und auch aufs Proviant. Wie das Volk Israels is gezogen aus Ägypten in die Wüste, hat der Moses wenig ' Proviant gehabt, hat ers müssen einteilen und darum hat er befohlen, das Volk Israel-soll hungern, wenn nichts da war'.—Und die haben's beide hatten, weit ste nicht sind gewesen aufgeklärt, darum." . Und so spöttelte ein Schriftsteller, der die Arden in Schutz nahm. — Versündigt man sich wirklich nicht <m dem M 7) 26 dramausche Spiel«. Rach deutsche» Spnckwchü«» t. Unterhalt«», für frohe Zirkel bearbeitet. Berti» I8Ä-E. »07.

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