Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 8 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 82 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Laß «ich nur erst besinnen, David"-, rief der Baß von der Höhe feiner Leiter. , Statt aller Antwort reichte ihm der Vorderer ein Tannenreifig hinan, welches der Baß unwillkürlich entgegennahm. Augenblicklich verschwand der Zug träumerischen Brütens aus dem Antlitz des „Baß". „David Brod". rief er, und auf seinem breiten Gesichte leuchtete und funkelte etwas wie vom Abglanze eines in weiter Feme lohenden Feuers, „jetzt ist es mir eingefallen." „Deine Narreteien, Baß", meinte David halb verdrießlich, halb lachend, „find wie Fliegen im Svmmer. Du kannst sie hundertmal fortjagen, sie kommen doch wieder." „Ist es meine Schuld, David Brod", rief der Baß mit einem tiefen Seufzer, „wenn ich nichts anderes geworden »n, als was ich gegenwärtig bin? Wie du weißt, bin ich von draußen „aus dem Reich", aus Bayem. und wein Vater selig ist ein Hausierer gewesen, was man bei euch hierzulande einen „Dorfgehcr" heißt. Wie ich noch ein Kind war, da hat mich dieser Vater selig oftmals auf seinen Wanderungen mitgenommen, damit ich mich frühzeitig gewöhnen sollte, wie man mit Kunden umgeht. Da sind wir häufig durch einen Wald mit lauter Tannen und Fichten drin gekommen. David Brod! wenn es Sommer oder Frühling war, am schönsten war es aber im Herbste, da kattn ich dir nicht sagen, wie mir jedesmal uiy das Herz herum ward, wenn ich in diesen Wald eingetreten bin. Ich habe schier «glaubt, ich komme nicht mehr aus dem Walde heraus. Feiwelmann, mein Kind, hat mein Vater selig zu mir gesagt, was bleibst du vo rjedcm Baume stehen? Was siehst du an einem Baume? Kannst du von so einem Baume leben? überhaupt weiß man niemals, was in so einem Wald alles Vorgehen kann; schon beim bloßen Namen Wald rinnt mir ein Schauer über den ganzen Leib. Und dann! wie willst du ein guter Kaufmann werden, wenn du vor jedem, grünen Baum stehen bleibst?" „Du bist ja auch keiner geworden", fiel David Brod ein. „Einmal, wie ich mit dem Vater selig wieder im Walde war, da weiß ich nicht, wie es über mich gekommen ist. Vögel haben in den Zweigen gesungen, und da hat es mich von innen heraus genötigt, mitzusingen. Da hat mein Vater stlig den Pack mit Waren von seinen Schultern abgeworfen und hat mir zugehört. Feiwelmann, mein Kind, hat er dann gesagt, in dir steckt so wenig ein Kaufmann als in dem Baum da, du mußt ein Sänger werden! Und so bin ich als „Fistel" zu dem berühmten Vorbeter Süßkind Schwab nach Fürth in die Lehre gekommen. Später ist ein Baß aus mir geworden." „Wie kommt da eins zum andern?" murmelte David Brod sehr vernehmlich vor sich hin. „Aufdas Laubhüttenfest freu' ich mich immer zumeist", fuhr der Baß fort. „Wenn ich so mit dir in der „Schul" stehe und wir fingen miteinander, und auf einmal/fällt mir ein: Draußen auf den Laubhütten liegt das grüne Tannenreisig ... da ist es mir gerade, als käme der merkwürdige Geruch aus dem Wald in meine Kehle, und ich singe noch einmal so schön. Als wenn ich mit meinem Vater selig wieder in jenem Walde stehen und mit den Vögeln singen möchte!" In diesem Augenblicke wurden die beiden durch den Gesang eines Kindes unterbrochen. Er kam aus dem Innern der Laubhütte und konnte eigentlich nicht Gesang genannt werden. /Es war eine uralte Melodie. wi>> fo» in >u>t gtytm« gsge gesungen wird an jedem Freitagabend, so oft man die Ankunft des Sabbaths feiert; aber die Art und Weise, wie sie das Kind zum Ausdruck brachte, trug ein merkwürdiges Gepräge von selbständiger Wiedergabe an sich; es war die uralte Melodie, und sie war es w>-w>r nifo.; uw»- -funMirf) 4teue£ Gewand mit allerlei blendendem Aufputz daran, aber erst, wenn man genauer hinsah, entdeckte man. daß. es der Stoff eines Kleides war» dessen Fäden vielleicht an den Beiden des Euphrat gesponnen worden waren. Wo die Melodie, gleichsam wie aus eine» Traume heraus, lang gezogene' Töne, die sich nur mühselig der Kehle entrangen. erforderte, da brachte das Mädchen kurze Triller «, und im Gegenteil, wenn die alte Volksweist, gleichsam aufjauENd einen raschen Fortgang vorschrieb, klang es, als ob cin{ Menschenbrust den tiefften Ausdruck für ein trauriges, fast unsagbares Geheimnis gefunden hätte. . 'Die beiden Männer hatten währenddem ihre Arbeit unterbrochen, keiner rührte die Hand. „Hast du sie gehört, Baß?" fragte entwich flüsternd David Brod. „Wer denn soll sie gehört haben?" „Man erkennt fast nicht, was sie gesungen hat. Ick möchte nur wisien, warum sic so und nicht mrdetS fingt? „Du wirst an dem Kinde noch manches nicht erkennen!" sagte der Baß mit einem gewiffen geheimnisvollen Ausdrucke Und schwieg. Denn indesien war die schlecht angelehnte Türe, di« in das Innere der Laubhütte führte, mit Ästigkeit geöffnet worden und ein etwa dreizehnjähriges Mädchen zum Vorschein gekommen. War das Kind wirklich dreizehn Jahre alt? Die Kleinheit seiner Gestalt ließ allerdings auf keine höhere Zahl von Jahren schließen. Wenn man aber den unverhältnismäßig großen Kopf, den dicke, ungeordnete schwarze Flechten umrahmten, näher betrachtete und dabei in die fast alles Maß überschreitenden dunkeln Augen blickte, dann wurde man auch kirscheurote Lippen gewahr, die fast übermütig einen wohlgeformten Mund mit weißen Zähnen umgaben, und mußte sich sagen, daß das angebliche Alter des Kindes eine in den Wind gesprochene Lüge war. „Vater", sagte das Mädchen, „du meinst gewiß, unsere Laubhütte ist die schönste in der ganzen Gaffe? Und du bildest dir noch zuletzt etwas darauf ein?" „Ist sie denn nicht ganz besonders schön?" fragte David Brod, „der reichste Mann in der Gaffe, zum Beispiel Mendel Prager, kann auch keine schönere haben." Das Kind lachte hell auf, wobei sich um die roten Lippen ihres Mundes ein Zug wie von hochmütiger Bosheit einstellte. „Das nennst du schön?" rief sie. „Die ganze Pracht deiner Laubhütte besteht ja in nichts anderem als in vergoldeten Nüssen und Zwetschken, die du droben in das Reisig steckst . . . Das soll schön sein? Ich aber meine, es gibt einen Unterschied zwischen schön und schön" . . . „Wie soll ich cs denn anfangen, Ella, mein Kind?" sagte David Brod. „Alle Tage meines Lebens habe'ich gehört, daß es gar nichts Schöneres und Prächtigeres für eine Laubhütte gibt, als vergoldete Nüffe und Zwetschken. Sehen sie denn nicht wie Gold aus?" - Wieder schlug das Kind ein helles Gelächter auf. „Das soll Gold stin?" rief es. „Ich meine ja auch nicht, daß du goldene Apfel und Nüffe in deiner Laubhütte haben sollst, Vater. ,Aber» es fehlt etwas darin, was man haben kann, und was schöner ist, als all dein Gefunkel, woran eigentlich nichts ist." , „Uno Ms soll das"sein?" „Blumen, Vater, Blumen", schrie das Mädchen überlaut, „schöne große Tulipanen und Rosen und Lilien, und was Miß ich noch alles." „Blumen?" meinte David Brod verblüfft, „wo soll ich Blumen hernehmen? Hab'ich denn einen Garwn^ , „Das ist deine Sorge, Vater?" rief das Kind wieder -hell auflachend.—„Wozrrist denn der Garten des Grafen da?" „Ella!" schrie David-Brod, der Vorbeter, mit allen Zeichen des Schreckens. „Du möchtest in den gräflichen Garten^gehen, um Blumen zu holen?" _____ -„Warum nicht, Vater?" lachte Ella und schlug die Arme keck in die Seiten. . „Dü möchtest in des Grafen Garten gehen!?" wiederholte David Brod in steigender Verwunderung. „Ich möchte nicht, Vater", höhnte das seltsame Kind lachend, „aber ich gehe schon." Ella war auS dem Bereich der Laubhütte entschwunden.