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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-25 · 8 (25.7.1919) · p. Seite 79

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
8 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 79 (sequence 5)
Language
German
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V Dagegen, was der Jude, leistet, was er spricht, denkt, erarbeitet, lehrt, wirkt, das rst jüdische Wisienschaft. Und ' das k a n n auch Wissenschaft vom Judentum sein. Braucht es aber nur zum geringsten Teil zu sein. Was Ehrlich, Freud und Hermann 'Cohen dachten, ist jüdische Wissenschaft, denn sie dachten es^nur, weil sie Juden waren, sie dachten es, weil sie mir Juden waren. Betrachten wir die Wissenschaft vom Judentum als unser einziges jüdisches Gebiet, so gestehen wir ein. daß das Judentum nur Objekt ist, daß es in uns nicht mehr lebt, daß es außerhalb von uns liegt — jedem Nichtjuden / y wie uns erreichbar. Betrachten wir aber die jüdische Wisienschaft als die Wisienschaft der Juden als unser geistiges Feld, so drücken wir aus, daß das Judentum so lange lebt, als Juden leben unis ^rur so lange sie jüdisch leben. / Hier gilt es fest einzugreifen. Denn wie wir eingangs . erörterten, ist das „Jüdischleben" heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Jüdische Formen sind verpönt, jüdisches Wesen ist unangenehm. Wir sind soweit gesunken, uns von - unseren Feinden, voü den Antisemiten, das Werturteil über unsere eigene Art zu entlehnen. Das muß aufhören. Wenn wir ordentliche Menschen sind, find wir's, weil wir Juden sind, dann muß das Jüdische gut sein. Und sind wir Juden, dann ist in allererster Linie das Jüdische wertvoll in ugs. Nicht von Antisemitengnaden Pflegen wir und erwählen wir uns die jüdische Lebensführung, sondem weil sie die beste für uns und für die Welt ist. Unter dieser Fahne nur können wir uns durchsetzen. Da« jüdische Palästina. ' % Bon Paul Lion. Je mehr sich die zivilisierte Welt der Wiederherstellung normaler Friedenszustände nähert, um so deutlicher wird die neue Konstellation, die sich für das Judentum aus der gänzlichen Neuordnung der politischen Verhältnisse ergibt. ' Einerseits werden sich nach Rückkehr geordneter Verkehrsbedingungen die jüdischen Mafien des Ostens, deren katastrophale Lage ja hinlänglich bekannt ist, in bisher noch nicht dagewesenem Umfang in Bewegung setzen, um anderwärts Existenzmöglichkeiten zu suchen. Andrerseits soll nach dem Willen der Großmächte in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen entstehen, und dorthin wird sich der Auswandcrerstrom hauptsächlich wenden. Eine Enquete in Galizien ergab kürzlich, daß 25.Prozent der dortigen Juden sofortiger Übersiedlung nach Palästina entschlossen sind, ähnlich ist die Stimmung überall im Osten. Palästina wird also im zukünftigen Leben der Juden eine hervorragende Rolle spielen, und cs ist daher für das Verständnis der kommenden Dinge ein Überblick über den gegenwärtigen ^Stand der palästinensischen Kolonisation nicht ohne Bedeutung. __ Die 100 000 Juden Palästinas, ungefähr 14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachend, zerfallen in 2 Schiften : den alten und den neuen Jischuw. Der alte Jischuw besteht aus den seit Jahrhunderten ansässigen Sephardim, sowie den Orthodoxen, die. meist in hohem Alter, cinwanderten, um in den heiligen Städten Jerusalem, Tiberias, Sased und Hebron ihren Lebensabend mit ftommen Übungen zst verbringen und in heiliger °Erde begraben zu wer, den. Ohne gewerbliche Tätigkeit leben He^vou-dem Ertrag - —der 'Chülckkah,^der fur sninaller Welt besonders von Orthodoxen gesammelten Palästinasprnde. Das Chalukahjudentum ist kein erfreuliches Element. In Müßiggang und Schmutz lebt es dahin. Versuche, vor allem die Agend zu produktiver Arbeit heranMieben. bgben ft-ilich flprnhp m letzter Zeit zu hübschen Erfolgen geführt. So tperden die Mädchen von Safed in einer Spitzenschute zu fleißigen Arbeiterinnen erzogen. Unter der Jerusalemer Jugend machte sich während der Kriegsjahre eine starke Neigung zu landwirtschaftlicher und handwerklicher Betätigung bemerkbar, und es-steht zu erwarten, daß sich die junge Generation immer mehr nützlicher Arbeit zuwenden wird. .Einstweilen besteht allerdingsVoch ein scharfer Kontrast zwischen dem Chalukahjudentum und der numerisch schwää)eren, kulturell aber um so bedoutsameren zweiten Bevölkerungsschicht, dem neuen Jischuw. Es ist die? die arbeitsfreudige, an die jüdische Zukunft, mit grenzenlosem Optimismus glaubende Bevölkerung, die sich aus den Einwanderern der letzten Jahrzehnte rekrutiert. > Russische Judenverfolgungen und verschiedenartige Kolonisationsbestrebungen haben sie ins Pand geführt, um sich hier vornehmlich der Urproduktion zuzuwenden und sich in etwa 40 landwirtschaftlichen Siedlungen niederzulasien. Diese Kolonisten haben unter den widrigsten Bedingungen den Jahrhunderte lang vernachlässigten Boden der Kultur wieder erschlossen und sich in harter Arbeit zu tüchtigen Landwirten erzogen. Längst haben sie die törichte Meinung. ‘ der Jude tauge nicht zu landwirtschaftlicher Arbeit, durch die Tatsache ihrer Existenz widerlegt. Nach dem Urteil kluger Sachverständiger haben sie sich auch auf dem Gebiet des eigentlichen Ackerbaues hervorragend bewährt. Besonders die galiläischen Siedlungen haben mit dem Anbau von Weizen vorzügliche Ergebnisse gehabt. Dagegen leben die.südlicheren Kolonien, die sich hauptsächlich um Jaffa und Haifa gruppieren, in erster Linie vom Pflanzungsbau. Berühmt ist der Wein , von Rischon-le-Zion, durch den Baton Edmond de Rothschild dort eingeführt, sowie die Orangenkultur in Petäch-Tikwah, deren Jahresernte vor dem Krieg einen Wert von lll2 Mill. Frcs. erreichte und auf englischen Märkten abgesetzt wurde: Die Juden haben mit der Zeit ihre hervorragende Eignung gerade für die Baumzucht erwiesen, und die Kolonien, die auf der Grundlage derartiger Kulturen aufgebaut worden sind, florierten vorzüglich Welcher Wertzuwachs sich auf diese Weise ergab. erhellt schon aus der enormen Steigerung der türkischen Steuereinnahmen in den Kolonien: So brachte Petach-Tikwah, allerdings die größte Kolonie mit über 2000 Einwohnern, im Jahre ihrer Gründung (1878) dem türkischen Steuerfiskus nur 60 Mark, 1914 hingegen 68 000 Mark ein. Während sich die Kolonien materiell konsolidierten, entwickelte sich in ihnen ein gesundes jüdisches Leben. Die fast autonome Verwaltung der kleinen Gemeintvesen ruht in den Händen der Koloniekomitees und ist getragen von einem selten harmonischen Gemeinschaftsgeist. Es paart sich in diesen Siedlungen, deren Sauberkeit schon rein äußerlich von der 'Primitivität der benachbarten Araberdörfcr absticht, solide Arbeitsamkeit mit lebensfreudiger Bejahung des erstarkenden hebräischen Judentums. Überall wird in den Kolonien Hebräisch gesprochen. Hebräisch sind die Lieder der Kinder, hebräisch ist der Unterricht in den Schulen, hebräisch das Kommando, nach dem die alljährlich beim Sportfest in Rechoboth versammelte Jugend ihre turnerischen Übungen aussührt. Auch in den Städten ist die hebräische Sprache wieder zu neuem Leben erwacht. Wenn auch noch nicht so ausschließlich wie in den Kolonien, so ist^ooch auch hier rmter den fortschrittlichen Elementen ^Hebräisch zur Umgangssprache geworden. Zeitungen und Verlagsanstalten, Volksversammlungen und Schulen zeugen auch hier von dem Leben der altneuen Sprache. Nach den letzten Berichten gibt es jetzt annähernd 70 städtische (darunter allein 89 Jerusalems) Schulen, mit bebräiscker Unterricktsspräche. -Das^l-ebräische GhiunasiMnTn^Fäffä entsandte Ostern 1914 zum ersten Mal seine Abiturienten nach den europäischen Hochschulen.'u. a. auch nach der Berliner. Das wird in absehbarer Zukunft nicht mehr nötig sein. Denn.im vorigen Sommer wurde, das gesamte Schulwerk zu krönen. . der Grundstein zur hebräischen Universität in Jerusalem gelegt.. Der neue Geist'ist also auch in die'Städte eingedruttgen. Er manifestiert sich hier am augenscheinlichsten in den modernen jüdischen Vierteln, die in Jerusalem, Jaffa und Haifa entstanden sind und durch ästhetische Bauweise und Reinlichkeit in wohltuendem Gegensatz stehen zu Schmutz und Enge der orientalischen Städte. Genannt sei

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