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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-25 · 8 (25.7.1919) · p. Seite 78

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
8 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 78 (sequence 4)
Language
German
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s — '78 - und Verkaufshallen sollen unter modernen Gesichtspunkten wieder tingeführt werden. Der eifrigste Schutz wird den verschiedenen heiligen Stätten, namentlich dem Haram el Scherif und seinen Nebenmoscheen, zugesagt. Dir Gründung von technischen Handels- und Handwerkcrjchulen ist vorgesehen, unter spezieller Benutzung der Erfahrungen der Kunstgewerbeschulc der Zionisten, Bezalcl, und die Ausbildung der Jerusalemer Jugend zu guten Handwerkern, Arbeitern und Technikern. Endlich soll auch dir eigentliche Erforschung^des Heiligen Landes und speziell der Umgebung von Jerusalem neu und energisch in die Hand genommen werden, um alle religiösen und geschichtlichen Schätze, die im Boden Palästinas noch schlummern mögen, ans Licht der Welt zu fördern. Eine Gruppe bester englischer, amerikanischer und französischer Archäologen ist am Werke, um auch für die bald wieder aufzunehmenden Ausgrabungen alle nötigen Vorbereitungen zu treffen. Tie zutage geförderten Altertürper sollen im Lande selbst verbleiben. # Itdische Grgtnwarlrfrasen. Bon Georq Landauer. I. ' Wissenschaft vom Judentum oder jüdische Wissenschaft. 1916 erzählt Hugo Bergmann in seinem Aufsatz „Weitere Horizonte", der Dichter Asch habe, als bei der Gründungssitzung eines jüdischen Vereins ein Programm mit Vorträgen der Art wie „Tie Juden in der Landwirtschaft", „Ter Sozialismus und die Juden" vorgeschlagen wurde, aufgeregt ausgerufen, er wolle nichts vom „Judentum" hören, er sej. Jude mit jeder Fiber seiner Seele, wenn er spreche, schreibe, denke, gehe oder stehe; er brauche nicht dieses Judentum in Anführungszeichen zu setzen, jo als wäre es etwas neben allem andern in seiner Seele, und nicht vielmehr die innerste Wurzel seines Menschentums. Er wolle, wenn er mit andern zusammenkommt, das besprechen, was ihn als Menschen bewegt; er wolle von Ibsen und Nietzsche, Malerei oder Musik ettvas hören. Hier hat der Dichter Scholem Asch eine Frage angerührt, die man schlechthin als d i e jüdische Frage der Ge-. genwart ansprechen muß. Es ist die Frage: „Wie betätigen wir unser Judentum?" Eigentlich ist es ja höchst seltsam, daß man, um in dieser Angelegenheit klar zu sehen, erst in eine' Erörterung eintreten muß, daß es nicht tatsächlich, wie Asch von sich erklärt, eine Selbstverständlichkeit ist, in allen unseren Lebensäußerungen, bei jedem Schritt und jeder Tat, gemäß unserem Judentum zu handeln, daß, kurz /gesagt, unser L e be n e i n j ü d i s ch e s Le b e n ist. Aber durchblättern wir unsere jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, Io finden wir, daß ihr ganzer Inhalt darin besteht, alle möglichen Umweltsdinge mit dem Judentum zu verknüpfen und aus diese Art in dem Jüdischen ein ziveites Glied zu erblicken, . das mit >dem allgemein Menschlichen ln uns erst in Beziehung gesetzt und verbunden werden muß. So lange dies von Nöten ist, so lange ist unser Judentum äußerlich, denn es ist erwcrbbar. Judentum soll man aber nicht lehren, studieren und aufnehmen föhnen, Judentum soll so selbstverständlich in uns leben wie jeder andere Lebcnstrieb. Wir müssen erkennen, daß die Durchtränkung des Lebens mit Jüdischkeit doch nur eine Bereicherung, eigentlich nur die Entfaltung aller der Eigensthaften^1st^dje.uun^em- V^ä^erweeeetrt, ohnehin m uns schlummern. Wir müssen erkennen) daß wir so am besten unserm eigenen. Wesen gerecht werden. Es ist daher nicht nur eine Forderung von öffentlich jüdischem Interesse, Pie wir erheben, sondern ss ist ein Anspruch, den jeder einzelne an sein persönliches Leben stellen sollte, sein ganzes Dasein als. ein jüdisches Dasein zu begreifen und zu führen.. In Wirklichkeit ist es bei uns in Deutschland heute jo, daß diese Einheit der Lebensführung und des Jüdischseins nicht besteht. Um Jude zu sein, muß man erst zur Schule gehen und „Jüdisch" lernen, Md wer hiervon am meisten gelernt hat, ist am jüdsschsten. Welch ein Irrtum! Als ob nicht alle gleichermaßen jüdisch wären, nur sind sie's sich nicht alle bewußt. nur find sie darauf nicht gleichermaßen stolz!' Diese Zweiheit zwischen Mensch Md Jude äußert sich auf alstn Lebensgebieten. Davon wollen wir hier eines herausgreifen; die Wissenschaft unter den Juden. Am 2.7. November 1819 gründeten Eduard Gans, Moses Moser und Leopold Zunz den Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden. Man wollte Akademien, Ackerbau- und Gewerbeschulen gründen. Aber man fand kein Publikum, und der Verein machte recht ttübe Erfahrungen. Die „Zeitschrift", das Blatt des Kulturvereins, war den deutschen Juden durch seine verschrobene, in den Wolken segelnde Sprache unverdaulich. So kam es, daß die Gründer, verwirrt durch die ungeheure Enttäuschung, an der Richtigkeit ihrer Ideen irre wurden. Als erster ließ sich der Oberführer Eduard Gans taufen. Und unter dem > Spotte Heines wurde der Verein zu Grabe getragen. Nur Leopold Zunz war beständig. Ihm schien die „Wissenschaft des Judentums" der Rettungsanker für das ertrinkende Judentum. Zur Wiederbelebung des Judentums sollte MM sich mit der jüdischen Lehre Md mit der' jüdischen Geschichte beschäftigen. Das erste Ergebnis einer opferfreudigen Arbeit auf diesem Gebiete ist das Geschichtswerk von Jsak Markus Frost. Zeitschriften wurden gegründet (Goldbcrgs hebräischer „Kcrem Chemed", die „Zeitung des Judentums'^ u. a.), die in erster Linie Geschichtskenntnisse zu verbreiten und Geschichtsforschungen zu betreiben bestimmt waren. Daneben stand die Beschäftigung mit der Lehre: Michael Sachs, Sternheim, Luzzato. Die Wiederbelebung trat nicht ein.' Auf der einen Seite verknöcherte das alte, starre, orthodoxe Judentum, das zu keinem Zugeständnis an di« Moderne &ereit war. — auf der andern Seite zerflatterte das „aufgeklärte" Judentum, das ohne eigene Kraftquelle aus der „Wissenschaft" keine Jüdischkeit beziehen konnte. Und im Kampfe Abraham Geigers gegen Samson Raphael Hirsch ist der Gegensatz zur Feindschaft geworden. Stark einheitliche Charaktere wie Salomon Munk bilden Höhepunkte, aber auch vereinzelte Erscheinungen. Die Wissenschaft vom Judentum, das Lehren über das Judektum konnte denen, die lehrten, die studierten, natürlich. etwas geben. Eine Erneuerung der Judenheit konnte unmöglich davon ausgehen. Ist auch nicht davon ausgegangen. Und Herste macht man erneut dieselben untauglichen Versuche. Eine.neue Akademie entsteht. Erneut wird Judentum gelehrt, geforscht, gepredigt und besprochen. Judentum aber ist nicht zu bereden, Judentum ist zu leben. Judentum.ist nicht beizubringen, sondern zu erfühlen. Als Soldat wurde ich während des Krieges einmal von einer ostjüdischen 'Vereinigung gebeten, ihren Abenden beizuwohnen. Es sei gerade besonders interessant, sie hätten einen Kursus über Hygiene.' Ich antwortete/lieber sei es mir, eine Gelegenheit mal auszunützen, wenn in ihren Reihen eine jüdische Frage erörtert würde, worauf mir folgender Bescheid wurde: „Dafür brauchen wir keine Abende; Juden sind wir so wie fol" Die Antwort habe ich mir gemerkt. ” Auch wir Juden haben Mseren Anteil an der Wissenschaft, wir müssen ihn nur Erkennen — undihnunS retten. ——aBnä soll die Wissenschaft vom Judentum nützen, sie ist trocken und kann kein Leben spenden. Was wir brauchen, ist j ü d i s ch e W i s s e n s ch a f t! Jedes wissenschaftliche Werk, das em Jude schreibt, ist jüdisch. Die Wissenschaft der Juden ist die jüdische Wissenschaft. Wissenschaft vom ^uhentum lebt auch außerhalb unseres Kreises.' Sie hat keine jüdische Note, sondern nur einen jüdischen Gegenstand.

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