Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 7 (11.7.1919) - Fragment S. 67-70 fehlen
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Königsberg. Der Verein jüdischer ReligionSlehrer erläßt folgenden Aufruf an feine Mitglieder: „Kollegen! Durch den unglücklichen Ausgang des Krieges droht vielen Gemeinden unserer Provinz das böse Geschick, polnisch zu werden. Was das besonders für uns Juden bedeutet, weiß ein jeder. Und doch werden sich auch unsere jüdischen Gemeinden an ihren Orten zu erhalten suchen müssen. Gerade in dieser schweren Zeit ist es Pflicht eines jeden Beamtet:, bei seiner Gemeinde zu bleiben, ihren Zu ammenhalt zu stützen, die Besorgten zu beruhigen, ,den Rat- und Hilfesuchenden zur Seite zu stehen und das religiö e Leben aufrecht zu erhalten. Auch die Staatsregierung verlangt dies in einem besonderen Erlässe von rhrenBeamten und Lehrernmden bedrohten Grenzbezirken. Zwar gibt sie ihren Beamten zugleich das beruhigende Versprechen, sic, ihre Familien und ihre Habe mit. allen verfügbaren Mitteln zu schützen und ihre Zukunft in weitem Umfange stcherzustellen, — Zusicherungen, die den jüdischen Beamten von ihren Gemeinden nicht geboten werden — aber wir wollen darum doch in der Treue gegen unsere Gemeinden und in der Hingabe für die Wahrung der uns anverttauten religiösen Interessen den anderen Beamten nicht nachstehen. Gott ist, unser Schutz! Und wie es auch kommen mag: der pflichttreue Kollege darf ganz besonders der brüderlichen Hilfe unserer Vereinigung und des großen Verbandes der gesamten jüdischen Lehrerschaft sicher sein. Darum noch einmal: Jeder bleibe bei seinex Gemeinde und bei seiner Pflicht!" Hamburg. In einem Telegramm, das die Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemokraten an die Regierung gerichtet hat und in dem sie sich darauf beruft, daß die Arbeiter den Generalstreik nicht wollen, daß die Lebensmittelkrawalle nicht mit einer organisierten Arbeiterpartei in Verbindung stehen, wird der Nachweis geführt, daß der Aufruf zu Plünderungen von antisemitischer Seite ausgegangen ist. .Wir sehen auch hier wieder did Partei am Werke, die mit allen Mitteln der Gewalt und der Hinterlist das Chaos in Deutschland zu vergrößern versucht. Wien. Ein jüdisches Realgymnasium für Knaben und Mädchen wird aller Voraussicht nach im September hier eröffnet werden. Es ist geplant, mit der Unterstufe (vier Klassen) zu beginnen. Der Lehrplan enthält ür alle Klassen einen entsprechenden obligaten Unterricht im Hebräischen; als zweite Sprache soll neben dem Lateinischen das Englische von der dritten Klasse an obligat gelehrt werden. Der Unterricht in den Freifächern (Französisch, Gesang, eventuell Musik) soll tunlichst ausgebaut werden. Eine besondere Berücksichtigung soll die körperliche Ausbildung (Turnen, Sport, Wandern) finden. London. Nachdem sie besonderen Trauergottesdiensten in Synagogen beigewohnt hatten, .zogen hier 50 000 Juden geschlossen mit Trauerfloren zur Queenshall, wo eine große Versammlung als Protest gegen die Judenpogrome in Polen abgehalten worden ist. Bialystok. Der hiesige polnische Regierungskommissar erließ «ine Verordnung, derzufolgc der Druck von öffentkichen Bekanntmachungen in jiddischer Sprache verboten ist. Jüdische führende Persönlichkeiten der haben wegen Aufhebung des Verbotes Schritte bei Werung^nkemommen. ' Zürich. Unmittelbar -nach dem endgültigen Friedensschluß ist eine jüdische Massenwanderung von noch nicht dagewesener Ausdehnung und Plötzlichkeit zu erwarten. Sie kann zu fittor Kotnstrophp sondergleichen werden frnft )entralbüro der Agudas Jisrocl hat daher die führenden Körperschaften der Judenheit zu einer Emigrationskonferenz eingeladen. Da zustimmende Antworten der bedeutendsten der eingeladenen'Organisationen eingegangen find, ist alle Aussicht auf das Zustandekommen der Konferenz vorhanden. Zürich. Der Führer der amenkanischen Zionisten, Louis Brandei-s, kommt anfangs nächster Woche in Paris an, wo er mit Wilson Besprechungen haben wird. Dann wird' er seine Reise über Marseille nach Palästtna fortsetzen, wobei ihn der Präsident der englischen zionistischen Föderation, Chaim Weizmann, begleiten wird. Die beiden Zionistenführer wollen sich über die derzeitige Laae in Palästtna genau unterrichten, um, sobald die türkische Frage gelöst und England das Mandat über Palästtna erhalten hat, an die Bilduno einer autonomen Verwaltung schreiten zu können. — Die Wahlen zur jüdischen Konstttuante haben inzwischen — am J2. Tammus (10. Juli) — stattgefunden. Zürich. Der ehemalige amerikanische Botschafter in OonsMntinopel, Mr."Oskar S trauß, der als Präsidentver „League to Enforce Peace of America“ nach Europa gekommen ist und, wenn auch der amenkanischen Fnedensdelegation nicht offiziell attachiert, in Paris eine bedeutende Rolle spielt, gewährte Herrn Harry A. Goodman, denf Londoner Korrespondenten für die „Jüdische Preßzentrale Zürich", folgendes Interview: „Ich bin kein Zionist", erklärte Strauß, „aber ich sympathisiere mit dem zionisttschen Ideal. Ich glaube auch nicht, daß viele Juden aus Amerika oder England nach Palästtna auswandern werden. Weshalb sollten sie denn diese zwei Länder verlassen, wo sie dieselben Rechte und Privilegien genießen wie die übrigen Bürger. Nein, Palästina wird seine Siedler aus den Ländern rekrutieren, wo die Juden keine Freiheiten besitzen. Die Auswanderung aus Europa wird zweifelsohne in großem Maße durch die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa 'bedingt. In Osteuropa verschlimmert sie sich ja tagtäglich, und die Pogrome, die dort wüten, -beweisen, daß unsere Feinde nichts gelemt haben." Auf die Frage, ob die Rechte der Juden in den übrigen Ländern durch die dm Juden gewährte Heimstätte in Palästtna nicht beeinttächtigt würden, erwiderte Herr Strauß: „Es ist geradezu unsinnig, zu behaupten, daß die in der Diaspora verbleibenden Juden durch Errichtung eines nationalen Heims in Palästina geschädigt werdm Sonnten. Die Juden, die in England bleiben, werden Engländer sein, die in Amerika lebenden Amerikaner, und diejenigen, die nach Palästtna auswandern, werden Mitglieder des zu errichtenden jüdischen Staates sein." In bezug auf die Zukunft der jüdischm Heimstätte in Palästina ist Sttauß optimistisch. „Ich bin schon 69 Jahre alt und erwarte nicht, noch viel vom zukünftigen Palästtna sehen zu können, aber ich habe vollstes Vertrauen, daß der neue Staat die Hoffnungen seiner Gttinder erfüllen wird. Ich hege den tiefsten Glauben an die Ethik meiner Religion und meines Volkes; wir haben der Menschheit die zehn Gebote, den Grundstein aller modernen Gesetze gegeben, und das Fundament der bürgerlichen Gerechtigkeit liegt im alten Palästtna. Wer kann Voraussagen, welch große Wohltaten und politische Weisheiten noch aus dem neuen Palästtna ausgehen werden? 'Palästina wird den Schutz Großbritanniens, ded größten Weltmacht, genießen, und die Juden werden sich freuen, daß das britische Volk und die Juden Verbündete werden. Obgleich die Juden Amerikas und Englands sich als Bürger Palästinas nicht aktiv betätigen werden, so wollen wir doch unsere Glaubensbrüder, so weit nur möglich, unterstützen, und wünschen wir ihnen von ganzem Herzen guten Erfolg. Es wird immer ein starkes Band geben zwischen den Juden, die nach „Hause" gegangen sind, mrd denen, die in der Diaspora geblieben sind, und wir sind sicher, daß ein behagliches, glückliches und hlühendes nationales Heim bald in Palästina errichtet werden wird." Paris. Das Projekt dxs türkischen Friedensvertrages enthält n. n. einen Abschnitt über Palästina, der 50 Paragraphen zählt. Nach diesem soll Palästina unter das Protektorat Großbritanniens gestellt werden, um dortselbs ein -national deine“ für das jüdische Volk vorzuberetten. Jeder, der zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvcrtrages in Palästtna wohnt oder im Laufe der nächsten zwei Jahre dorthin cinwandern und keine andere Deklaration C