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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-11 · 7 (11.7.1919) - Fragment S. 67-70 fehlen · p. Seite 64

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
7 (11.7.1919) - Fragment S. 67-70 fehlen
Date
1919-07-11
Page
Seite 64 (sequence 2)
Language
German
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64 die Jugend, ihr macht euch lächerlich. Die Jugend muß so sein, wie sie ist. Jungsein heißt keck sein und der größte Rüpel wird der beste Mann. Vor allem aber heißt jung sein, keine Hemmungen zu kennen, und in allen idealen Fragen mit letzten, allerletzten Forderungen an die Welt heranzutretrn. „DaS Alter ist eine Krön?', hieß es immer der unS Juden. Aber man kann auch sagen, daß die Jugend eine Krone sei, und zwar die Krone eines unverantwortlichen Königtums. Daß sie keine Verantwortungen kennt, ist ihr Jugendglück, wie cs euer Mannesstolz ist, daß ihr Berank Wartungen zu tragen habt. Die Jugend soll sorglos sein, das wollt ihr selbst; ihr müßt aber wissen, daß es keine Sorglosigkeit ohne Verantwortunglofigkeit gibt. Die Tage, wo der stmge Mann sich selbständig macht, Haus, Hof und Familie gründet, kommen früh genug und mit ihnen stellen sich ganz von selbst di« Verantwortlichkeiten de- Lebenein. Man mißverstehe mich nicht: Alle Erziehung hat auf dies eine Wort zu gehen: Verantwortung. Alle religiöse, alle sittliche und alle gesellschaftliche Erziehung gehe hiervon aus und münde hier. Aber man muß es den Jungen zugute halten, daß die Schule des Lebens erst nach der Schule des Lernens kommt, sie also nicht immer erkennen und anerkennen können, was unS, die wir dem Tage unser tägliches Leben abkargen müssen, eine Selbstverständlichkeit geworden ist: Daß nämlich alles Leben unter Verantwortungen steht. Man braucht auch gar keine Angst zu haben, wenn di« Jugend sich allzu wild geberdet und fanatisch auf den letzten Forderungen beharrt. Junge Art ist es, laut zu schreien, Männerart. still zu handeln. Wer richtig hinschaut, wird bald bemerken. was di« Jugend nie bemerkt, daß das Lebest ebenso über sie hinschreitet lvie über das Alter. Und wenn sie auch manchmal die Mode formt, die Jugend: das Leben formt sie nie. Das formt der Mann, denn er allein weiß, was das Leben ist. Das Beste, was die Jugend leistet, ist. daß sie die Gefahren von der anderen Seite ausgleicht: Seht die un-öligen Allzuvernünftigen und -bedenklichen, seht die kalten, rechnenden, gewinnsüchtigen Bürger all«, die auf ihre alte, abgekühlte Erfahrung pochen! Nr gegenüber steht die Jugend: Stets bereit, sich hinzugeben, verlangt sie auch das Äußerste vom Leben, greift nach den Sternen und stellt die Forderung des Idealismus, der Unbedingtheit an die Welt. So stellt sie allen Geschlechtern das reine Leben dar, so wie es sein sollte und sein würde, wenn er nicht gehemmt ungetrübt wäre durch die Last der Verantwortungen, die auf rhm ruhen. Wehe dem Volk«, dem solche Jugend fehlt, wo der Zwanziger dasselbe will wie der Fünfziger, mit seinen Augen schaut, seinen Worten redet und mit seiner Gesittung lebt. Hell dem Judentum, daß von Geschlecht zu Geschlecht daS Feuer seiner Jugend sich erneuert und stets sich wieder erneuert zur letzten Treue imd Hingabe an die alte, gute, heilige Älche. Emil Cohn. ■■■■■■aimiHaimaaiaiiiiaiiaiiiiini t. Gfocbenrcbau, Tatsachen und Ergebnisse. Berlin. Eine Anzahl der hervorragendsten Mehrheit-- sozialistischen Führer und Führerinnen haben soeben ein Flugblatt herausgegeben, in demüus vre tn der letzten Zeit in großen Massen überall verbreiteten antisemitischen Pamphlete hingewiesen wird, die jetzt sogar offen zu Juden- Pogromen auffordern. Das sozialdemokratische Gegenflugblatt verurteilt aufs schärfste diese Agitation, die darauf hinzielt^udaß^anch in Deutschland jene scheußlichen Morden seigen Metzeleien, Räubereien. Brandstiftungen ins Werk gesetzt werden, durch die das alte Rußland, daS junge Polen und Rumänien sich und die menschliche Kultur mit Simmpf und Schande befleckt haben". „Mese Hetze entspringt^, wie daS Flugblatt zutreffend weiter ausführt, „derselben Quelle, der die Kriegshetze entsprang, für die jetzt 60 Millionen unschuldige Deutsche büßen sollen. Und diese Quelle heißt: Reaktion! Die Antisemiten wollen das Rad der Geschichte nicht vorwärts, sondern rückwärts drehen l DaS menen wir, wenn die Pogromfreunde mit ihren Blättern die Arbeiter deshalb gegen die Juden aufzuhetzen versuchen, weil diese die Revolution .gemacht' haben sollen!. . . Es ist kein Rassenkampf, den wir führen, sondem ein Klassenkampf. Jeder Sozialdemokrat — ob Jude, Christ. Mohammedaner oder Atheist — bekämpft den internationalen Kapitalismus, ohne dabei Unterschiede zu machen zwischen den Kapitalisten der einen oder der anderen Konfession, Ön Krupp oder Rothschild, Stinnes, Thyssen oder lssohn. Ebensowenig Unterschiede kennen wir zwischen der Beurteilung von Drückebergern, Kriegsgewinnlern und -schiebern jüdischen oder chrifttichen Bekenntnisses. Wer den Ereignissen daheim und. im Feste mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt ist, der weiß ganz genau, daß auch in bezug auf diese Dinge in gleicher Weise von Christen wie von Juden gesündigt worden ist, und der läßt sich nicht einreden. wie die antisemitischen Blätter es zu tun versuchen, daß es nur jüdische Drückeberger, Schieber, Kriegsspekulanten gegeben habe." Das Uugblatt schließt mit dem Aufruf: „Parteigenossen! AÄeiter! Wir leben in einer Zeit, in der noch schärfer als sonst und als jemals vor Unbesonnenheiten gewarnt werden muß. Und vor antisemitischen Provokateuren! Laßt Euch nicht provozieren!" Unterzeichnet habe« u. a. Otto Braun, Molkenbichr, Schöpflin, Reichsminister Wissel, Sindermann und Stücklen. Berlin. N der Provinz Posen haben die polnischen Behörden sämtliche jüdischen Rechtsanwälte als Geiseln verhaftet, in der Stadt Posen selbst auch noch andere angesehene Juden. Man fürchtet, daß dies nur der Anfang einer allgemeinen Judenhetze ist, wie sie zur Zeit in Russisch-Polen rast. Breslau. Das städtische Realgymnasium am Zwinger ist der Schauplatz unerhörter anttsemittscher Treibeveren geworden, die bis zur Vetteilung anttsemittscher Flugblätter durch Schüler in der Schule gediehen* ist. Direktor und Lehrerschaft schweigen dazu. Breslau. N der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung wurden die Satzungsänderungen in zweiter Lesung nach den Beschlüssen der ersten Lesung beraten unangenommen. Von Bedeutung sind die Änderungen tn § 56 der Satzung und in 8 d der Wahlottrnung. N 8 56 werden die Worte eingefügt: „sowie weibliche Gemeindemitglieder zugezogen werden können, die selbst oder deren Ehemänner zu den Gemeindebeittägen veranlagt find." Der 8 9 Satz 1 in der neuen Fassung lautet nunmehr: „Die Dahl erfolgt nach den Grundsätzen der Verhältniswahl zur deutschen Nationalversammlung." Oppeln. Jüdische Flüchtlinge auSKongreßpolen, hauptsächlich auS Lodz und Kalisch» die in Oppeln eingettoffen sind, erzählen: Wir mußten flüchten, denn eS ist in Polen nicht mehr auSzuhalten. Wo Hallersche Truppen hinkom« men, bewaffnen sie sich mit Schere und Messer, ziehen auf den Sttaßen umher, schneiden der männlichen jüdischen Bevölkerung die Bärte ab, verwunden sie dabei, schneiden ihnen die Kaftane kurz und mißhandeln sie in jeder Weise. Zuweilen arten diese Mißhandlungen in große Pogrome und Schlächtereien aus. Wir kamen bei Praszka, wo nur schwache polnische Posten stehen, über dieGrrnze. indem wir dem polnischen Posten 75 Mark Bestechungsgüd gaben. Die Disziplin unter den Hallerschen Truppen und den Legionären, die die rauflustigsten sind, lockert sich immer mehr. Die Zahl der Desetteure mehtt sich mit jedem Drg, trotz der schärfsten Maßnahmen, die dangen ergriff,» ium»- twg ucr ,qmri«n -vcanlllmmen. m, oaqegen ergriff,» tnreben. Die Besatzungen der Grenzen werden jeden zweiten oder dritten Tag gewechselt; auS welchem Grunde, ist nicht bekannt. Man nimmt an, daß ste nicht zuverlässig find. Die Haupttruppenmassen find in Czenstochom, Herby. EoSnowtce, Zawiercie konzentriert.

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