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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-18 · 6 (18.7.1919) · p. Seite 54

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
6 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 54 (sequence 4)
Language
German
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begründet. Welcher Triumph des Hebräischen aber liegt > darin, daß Ustischkin, der Führer der russischen Juden, vor der Versailler Konferenz die Forderungen des jüdischen! Volkes in hebräischer Sprache vortrmi. _ j _ Nunmehr können wir auch den Bereich des Hebräischen; 'gegen das Jüdische abgrenzen. So sehr Jüdisch auch Volks, j spräche geworden ist. es bleibt doch stets eine Golussprache, di« kraft Sprachverwandtschaft, am ehesten unjüdische Werte > vermittelt. Es ist die berechtigte Sprache der'!Gegenwart. > Anders hebräisch. Dies war von jeher der Mittler der | eigentlich jüdischen Inhalte, während die Umgangssprachen j nur das profane Leben umfaßten. Es war vor allen Din. > aen und ist noch das einigende Sprachelement unter den! Alden, es schuf den gemeinsamen Boden, auf dem sich die ' gläubigen Juden allerLänderundallerZeiten begegneten. Dadurch erhält, es seinen Charakter als typi»! sche Nationalsprache, der ihm schon nach seiner historischen ' Rolle innewohnt. Darum mag dem Jüdischen auch das > Heute gehören, das Morgen steht unter dem Zeichen der! verjüngten, lebendigen, hebräischen Sprache. unserer eigenen Sprache ganz allein werden wir | den Ausdruck finden, in dem sich unsere ureigensten, unver. j gänzlichen, wahrhaftigen Gedanken an die Menschheit wen« j den. Wollen wir eine Zukunft haben, so muß sie auch unsererSp rache bereitet werden. Wir rufen auf zur Pflege und Belebung der hebräischen Sprache. GUera und Linder. v Bon Dr. W i e n« r- Stettin. Wir führen kein wirkliches Leben, wenn unsre Gegen» wart nicht eine klare Empfindung dafür hat, das Heute eines Morgen zu sein. Es ist eine Binsenweisheit, daß, wer die Jugend für sich hat, für seine Gedanken und Ideale, auch die Zukunft für sich besitzt; oder, wie unsere Alten es ausdrückten, daß auf dem Atem der Schulkinder die Welt gegründet ist. Unter der anscheinenden Selbstverständlichkeit solcher Worte birgt sich ein tieferer Gehalt, und den wollen wir zu begreifen suchen. Wer sich nicht selbst betrügt, der fühlt es als etwas Unerträgliches, wenn das, waS ihm wert und heilig ist, das, worin er Sein'und Wirken verfestigt, mit seinem Sterben zutn Tode verurteilt sein, daß es mit ihm verschwinden soll. Denn wir Menschen fühlen uns in Wahrheit nicht als jene Eintagswesen, wie manche, die ein schlechtes Gewisien haben, es sich selber und andern einreden wollen. Ja. wir sterben. Aber vorher leben wir doch, und wir spüren uns nur als wahrhaft lebendig, wenn wir uns in der Ewigkeit eingewurzelt wisien. Und wir atmen die Luft der Ewigkeit, wenn es etwas Heiliges, Großes, ganz Wertvolles gibt, waS uns erfüllt, in dem wir sind und weben. Die Ewigkeit unsrer Wahrheit ist u n s e r e Ewigkeit, Unvergänglichkeit der Menschen, die sie denken. Und die ewige Wahrheit trägt die Menschen hinüber über die Kürze des Daseins der aneinandergereihten Tage. Sie knüpft das nicht abreißende Band zwischen denen, die kommen und denen, die gehen. Denn mögen sie nur immer gehen, die gekommen sind, die Menschen; daS, um deflentwillen allein das Kommen sich lohnt, dem zuliebe das Gehen kein Verschwinden ist, — es oleibt. „Das Gras verdorrt, di« Blume welkt, — aber das Wort unsres Gottes besteht in Ewigkeit". Nichts Tieferes. Stärkeres, Helleres läßt uns daS Gottesgefühl erleben als dieses Eine Unvergleichliche: daß wir als die Kinder des Ewigen am y Leben des ewigen Vaters teilhaben, daß wir, wenn wir in seiner Wahrheit weben, über das schwankend Schwebende der Erscheinung hinweg zu dauerndem Seindefesttgt und eingepftanzi werden. ' ' Das ist auch der eigentliche und innerlichste Sinn aller religiösen Erziehung: Nicht.chloß. dast^wirein-Gut -den» —jenigcn verrrbenMollenIdie uns lieb und nqhe sind, sondern daß der Gedanke der Erhaltung und Mehrung jenes Gutes es uns selber noch viel erhabener und wertvoller macht. So wird die Erziehung und Einführung, inS religiöse Leben, die wir andren, unfern Kindern, widmen, selber zu einem Stück von uns geübter Frömmigkeit. Gott ist nicht bei den Eltern, wenn es nicht deren dringendste Sorge ist, daß er auch in den Herzen der Kinder wohnt. Jene spüren von seinem Geiste keinen Hauch, wenn er nicht zu einem Alte und Junge umspannenden Geist wird. Denn Gott hört auf, Gott zu sein, wenn er nicht für alle derselbe, der Eine ist. Als vor ein paar Jahrzehnten die soziale Frage in den Vordergrund des Jnteresies trat, da wmde es klar, was in Wahrheit die Menfchen auseinander reißt, daß die Bewohner einer Stadt wie zwei Völker nebeneinander bausen. die verschiedene Sprachen reden. Es ist nicht so sehr der Gegensatz zwischen Reichtum und Armut, als der zwischen Bildung und Unbildung, wirklicher oder vermeintlicher. Das ist, fe länger, desto mehr der Einheit, ja dem Bestände gerade unsrer Gemeinschaft zum Verhängnis gewogen. Wir erkennen das, wenn wir auf die Sch<ütenseite eines hellen Zuges der jüdischen Art aufmerken. Es ist sicherlich eine Lichtseite, wenn die Eltem danach trachten, die Kinder über den eigenen Stand hivauSzuführrn, über den Platz der Geltung, den sie selber einnehmen. Aber die "Kinder lernen auf dem Wege, den, sie von ihren Eltem geführt werden, so viele andere Dinge kennen und schätzen, die den Eltem noch nicht bekannt waren. An und für sich braucht daS Neue, der erweiterte Lebens- und Gesichtskreis, chem gar nicht zu widersprechen, was den Eltem lieb und wert ge- > wesen. Und doch liegt es nahe, daß schon das viele Neue der Schätzung des Alten Abbruch tun mußte, das leicht bei den Jungen in den Hintergrund des Interesses tretm, in ihrem Bewußtsein verblassen konnte. DaS ist niemandes, Schuld, sondem allgemein menschlich. Wenn überaus der geringeren Achtung Geringachtung und schließlich Verachtung wird, — so enthüllt sich darin doch noch etwas ganz andres als nur die Tragik einer versinkenden Zeit, die von einer neuen abgelöst wird. Denn in tausend Fällen erleben wir's, daß nicht etwa ein überlebter daseinsmüde gewordener Geist von einem jungen. Neues schaffenden im ehrlichen Kampf überwunden, wird, sondem wir sehen das traurige Bild geistigen Selbstmords, ein mutloses Verzagen und Sichaufgeben ohne Gegenwehr, ohne tatkräftigen Versuch tapferer Selbstbehauptung. Oder ist's anders zu heißen, wenn im jüdi chen Familienleben unsrer Tage trotz aller Liebe und ZmÄichkeit und tatbereiter Hingebung der Jungen gegen die Alten ein Ton erklingt, . der feinerem Hinhören nicht harmonisch dünkt: ein gönner- Hafter, leutseliger, wohlwollender, aber im tiefsten von aller Pietät, ja aller Ehrfurcht leerer Ton? Denn alle Liebes-, taten können es nicht verwischen, daß die echte Liebe dort nicht mehr weilt, wo die Kinder den Geist der EÜem nicht mehr begreifen wollen, wo die Jungen die Alten als die Reste einer, überwundenen Periode ansehen. Was nützen alle Geschenke, all« Kostbarkeiten und Bequemlichkeiten, mit deuten die wohlhabend gewordenen Söhne Vater und Mutter überhäufen, wenn sie nicht den tiefen Stachel fühlen, daß sie sticht Herz und Seele dem Geiste jener auch nur eröffnen wollen? — Hier haben wir die zwei Völker, die verschiedene Sprachen reden. Wer trägt.die Schuld? — Nur die Eltem. Sir sind so stolz geworden auf ihre Kinder, daß chnen der Halt eines starken persönlichen Selbst entglitten. daS Rückgmt eigenen Stolzes zerbrochen ist. Sie fühlen in einer Kindesliebe, die in Wahrheit keine ist, nicht mehr die tödliche Demütigung. die darin liegt,,daß der Geist, der ihr Wesen geformt, nicht mehr von denen fortgrpflastzt werden soll, die doch ihr Fleisch und Blut sind; haben es nicht gewagt, daS reli- Mse-Gebot zu erfüllen: „Du sollst es künden deinem Sohne!" Es taugt nicht, wenn die Alten von den Jungen sich allzu viel und allzu gem imponieren lasten. Man beschönige nicht mit den Worten Duldsamkeit unh s,i»,ws>„,,g^ voll« Verständnis, was in Wirklichkeit Feigheit und mangelnder Arbeitswut ist. Wir wollen keine rührenden Bilder aus dem altjüdischen Familienleben entrollen, da Väter und Mutter im trauten Verein mit Söhnen und Töchtem im Dienste Gott« ihre Herzensfreude fanden. Denn ein andre» rst die Verewigung jedweder Form, ein ante», bk

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