Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 6 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 53 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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stets auf hebräisch herauszugeben. Sodann aber die Erscheinung, daß alle eigenen Judenspracken, sei es Judenaramäisch, Judenspanisch, Judenperfisch oder Judendeutsch, mit hebräischer Schrift wiedergegeben werden. Die Frauen lernten nicht wie die Männer hebräisch, sie studierten nicht, daher schuf man für fie die übersetzten Gebetbücher, denn Hebräisch ist die Le r nu n d Le h r s p r a ch e. Zum zweiten aher ist zu bemerken, daß alles Geschriebene hebräisch sein mußte, denn Hebräisch ist die Schrift-, spräche. Wir können im Rahmen unseres heutigen Aufsatzes nicht näher untersuchen, welche Eigentümlichkeiten des jüdischen Geistes fich dann offenbaren, daß seine Träger durch die Jahrtausende, zerstreut über alle Völker, sich ihre eigene, einende Sprache gerade in jenem Beziüe des Lebens erhielten, in dem das tiefinnerste, wahrhaftige Wesen des Menschen Ausdruck sucht, in der Religion. Bedenken wir, was es heißt, gerade hier das täglich gesprochene. Wort entehren zu müssen.. Es beruht diese Beziehung auf dem beonderen Verhältnis zwischen dem Juden und der hebräichen Sprache. Diese Beziehung richtig zu erfassen, ist uns deutschen Juden freilich erschwert dmch unsere Entwöhnung vom Hebräischen, doch wollen wir versuchen, darzustellen, welche Bedeutung auch heute noch die Pflege der hebräischen Sprache für die Juden hat. Wir haben bereits gesehen, daß schon zu Christi Zeiten bis auf eine dünne Schicht im Bereiche von Jerusalem und südlich davon das ganze Volk nicht mehr hebräisch, sondernaramäisch sprach., Aber im beth-hakknesseth, der Synagoge^ wurde hebräisch gesprochen. .Hier schon müssen wir bemerken, daß als synagogale Sprache das Hebräische niemals tot gewesen ist. Zu'jener Zeit verfaßte man noch einige Gebete als bewußte Ausnahme auf Aramäisch. Dagegen ist die Hauptmasse unserer Gebete erst später, und zwar in völlig reinem Hebräisch, geschaffen worden. Dieser Uinstand, und daß der Mbeltext hebräisch war, hob das Hebräische aus dem Bewertungskreise der übrigen Sprachen heraus, sodaß es als heilige Sprache, leschaun-hakkaudesch, noch heute angesehen wird. Es wäre jedoch falsch, zu glauben, hiermit sei das Hebräische aus der Zahl der gesprochenen Sprachen ausgeschieden. Vielmehr lebte es auch im Munde des Juden weiter, z. B. im synagogalen Vortrage, der Predigt. Eine Zeitlang konkurrierte hier Aramäisch, es mußte jedoch bald zurücktreten. So mußte jeder Jude hebräisch lernen, und im, Gotteshaus« fiel es ihm auch leicht, das Gelernte leben zu lassen. Hierzu trat noch eine andere Domäne des Hebräischen, die mitten im praktischen Leben zur Geltung kam. Hebräisch war — auch hier vorübergehend einmal im Wettbewerb mit dem Aramäischen — bis zum heutigen Tag die Sprache der öffentlichen Urkunden: der Briefe, Tagebücher,' Kontrakte, Rechnungen und später der Buchführung. Hier erhielt es , sich selbst noch, als es sogar im Lehrhaus aufhörte, gesprochenes Wort zu sein. Eine höchst seltsame Erscheinung! Eine Sprache, die durchaus noch gepflegt und gesprochen wird, für sich aber nur ganz bestimmte Bezirke behauptet. Eine Sprache, die ihren höchsten Auffchwung als durch die Jahrhunderte volkstümlich verstandene, ja sogar weitergebildete Schriftsprache erlebt. Das Hebräische ist niemals eine tote Sprache etwa im Sinne des Lateinischen gewesen.. Denn es war vor allem die einzige Sprache der Literatur, die allgemein verstanden wurde. Als daher die Juden sich in ihrer U m - gawgssprache teilten und z. B. eine gewisse Literatur auf arabisch entstand, mußte sie erst, um volksverständlich zu sein, ins Hebräische rückübersetzt werden. Und während die anderen Judensprachen auffamen und schwanden, verlief die einheitliche Linie des Hebräischen in eigener Entwicklung. So war das Hebräische die unangefochtene Literatursprache des jüdischen Volkes — man bedenke, eines Volkes, VaS keine Analphabeten kennt, eines Volkes, in deffen Geistesleben die Beschäftigung mit dieser Literatur Mittelpunkt, Pflicht und fast die einzige Betätigung war. - Freilich find auch erbauliche Schriften, Bücher der LebensklughM, Reisebeschreibungen und' ähnl. entstanden. Vor allem aber bemächtigte sich, das Hebräische zweier Felder: der Zionsliebe und der Religions- und Gesetzeswmenschaff. Es ist nicht mehr nötig» erst noch Jehuda hal-bevi, ibn Gebirol und andere mehr zu.erwähnen, um die heoräische Dichtkunst, die „Zioniden^ wie „die Königskrone", inS Gedächtnis zurückzurufen. Bis heute aber noch pflegt die so umfangreiche Talmüdliteratur sowie die jüdische GeschichtSschrribum die hebräische Sprach« zu wählen, von Maimonides, Raschi über Karo, Jsserles bis zum Wilnaer Gaon, Ezechiel Landau und den heutigen. . Auch die Stellung des Hebräischen zu den Sprachen der nichtjüdischen Umwelt ist durchaus die einer lebenden Sprache. So ist vom' Hebräischen sowohl im Wortschatz als auch besonders durch die Aufnahme von bittischen Redewendungen (zumal seit Luthers Bibelübersetzung) eine erhcblichss Beeinflussung der deutschen' Sprache vor sich gegangen. Beispiele find „tohuwabohu", „schofel", „schmiere stehen" oder Ausdrücke wie „auf Herz und Nieren prüfen", „hartnäckig" usw. Umgekehrt war auch to verändernde Einfluß, der von den Landessprachen aufs Hebräische ausgeübt wurde, außerordentlich bedeutend (woraus wieder folgt, wie sehr das Hebräische noch Gegenstand lebendiger Sprachentwicklung war). Dmch Abfärbung und Angleichung an seine Umgebung vollzog sich die Spaltung des Hebräischen in mehrere große Aussprachekreise, von denen die wichtigsten, weil umfassendsten, der aschkenafische und der sephardische find. Sephardisch (— spmisch-portugiefisch) sprechen die Juden der. Pyrenäenhalbinsel,, insbesondere die von dort ausgewanderten Juden der holländischen, türkischen, afrikanischen und vorderasiatischen Gemeinden. Aschkenafisch (= deutsch) ist die Aussprache bei den deutschen Juden und den ihnen sprachlich nahestehenden polnisch-russischen Juden, bei diesen letzten wiederum mit Abstufung der Aussprache, Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die sephmdische Art der richtigen althebräischen am nächsten kommt. Wir wisien, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache auf dem Studium der hebräischen Literatur beruhte. Somit mußte die um die» Wende des 19. Jahrhunderts einsetzende heftig« Assimilation und die damit verbundene völlige Vernachlässigung jüdischer. Geistespflege'auch das Schicksal des Hebräischen in Deutschland besiegeln. Es geriet in Vergessenheit. Mm versuchte sogm, es aus der Synagoge zu verdrängen. Die Erfahrungen ' der Berliner" Reformgemeinde beweisen jedoch, daß dieses unmöglich ist. So wendet man sich jetzt erneut seinem Studium zu. Anders nur die Entwicklung in Rußland. Aber man dmf nicht vergesien, daß der erste Anstoß hierzu von deutschen Juden ausging. Durch Anlehnung an die reine Stilkunst des Alten Testaments steigerte mm die Ausdrucksfähigkeit und Geschmeidigkeit des Neubebräischen, das seinen eigenen Charakter durch die Durchdringung mit der aramäischen Sprache erhalten hat und auch talmudisch-hebräisch genannt wird. Schon Wessely dichtete wieder Hebräisch md über Mapu, Smolenskin hat die Atjüdisch-hebräische Dichtung sich in Ben-Awigdor, Schneur, Tschernichowski, in der Prosa von Achad ha-Am, Berdyczewski aufwärts entwickelt bis zu der höchsten Vollendung in Bialik. Doch können wir den eigentlichen Aufschwung des Hebräischen erst bemeffen, wenn wir hinzufügen! welche Rolle es bereits wieder als Verkehrssprache spielt, sEin Mann ist es gewesen. Ben-Jehuda, der als erster-tn seiner Familie wieder die hebräische Sprache im Umgang aufleben ließ. Es gab ja schon immer einige Gruppen in Palästina, Persien und sonst, die einigermaßen hebräisch sprachen; allein seit Ben-Jehudas hingebungsvoller Arbeit erwacht neues Leben in bd: verdorrten hebräischen Sprache. Es geht ihr wir dem Volke. Im Lande der Väter, verknüpft mit Boden und Arbeit, ffiert sie ihre Auferstehung. Schon bestehen Kindergärten, ganze Kolonien, in denen nur hebräisch jk« sprachen wird, wo es Schul- und Kindersprache ist. Wir haben hebräische Gymnasien, und die Universität ist bereits