Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 33 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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schied zu nehmen. Der Reister hielt beide zurück: „War« teil" saute er. „er ist stet» der Langsamsten einer gewesen. Ich wußte, daß er "der Letzte von euch sein würde. Darum habt Geduld, denn Geduld ist Liebe, und um Liebe willen habe ich euch gesandt." Al» aber die Dämmerung gekommen war, und Raffael immer noch ausblieb, machte sich der Meister selber auf, ihn zu suchen. Di« Schüler schlossen sich ihm an und auch Uttel» Jünger folgten ihm nach. Sie wanderten durch die dunkelnden Gassen und fanden ihn schließlich an einem Brunnen bei einem Mädchen stehen, dem er lächelnde Worte sagte. „Raffael!" rief der Meister. Der Angerufene stchr herum -und stand rot übergossen vor seinem Meister, während da» Mädchen scheu entwich. . „Hast du die Zeit vergessen? Wa» bleibst du so lang?" „O Meister!" sprach Raffael, und sein« Augen glänzten, „o Meister, wie schön ist die Welt, in die du mich sandtest?" ' „Ist sie wirklich so schön, mein Sohn?" stagw der Meister. „Wohlan, setzen wir uns auf den Brunnenrand, und erzähle du uns, wa» du erlebt." „Ich habe nichts erlebt, Meister." „Du zogst doch aber aus, um zu erleben. Raffael?" „Meister, ich hatte keine Zeit." „Keine Zeit? Wie verstehe ich das?" „Ja, Meister, ich ging in die Stadt hinab, und wie ich so ging, dachte ich: Warst lange nicht bei deinen alten Eltern, Raffael. Sag' ihnen guten Morgen, eh du dein Tagewerk ttlst! Wie ich aber in die Hütte trat, war die Mutter krank, und der Alte müht« sich, ihr am Herd eine Suppe zu kochen. „Laß mich. Alter!" sagte ich und nahm ihm die Mühe ab und kocht« die Suppe. Dann plauderte ich einige Zeit, schließlich ging ich meines Weges und' dachte nach, wie sich wohl die arge Welt besiern ließe. Meister, e» ist viel Störung in der Welt. Sieh, als ich so ging, kam ich an einem Sandhaufen vorbett auf dem Kinder spielten. Die Kinder stritten sich aber, denn sie spiel« ten im Sande Kuchenbacken und stritten sich um die hölfett Formen, mit denen sie spielten. Da mußte ich denn den stiften und den Größeren sagen, daß sie den nen das Vorrecht ließen." * „Und dann?" fragte der Meister ernst. „Es ist wirklich viel Störung in der Welt," sagte Raffael. „Du glaubst nicht, wie viel! Al» ich nämlich weiterging und auf den Markt kam, — ich dachte nämlich, auf dem Markt« ließe sich am besten zu den Leuten reden. — da sah ich, wie einer alten Hökerftau der Korb mit den Äpfeln umgefallen war. Da mußte ich doch helfen. daS Obst einzusammeln, über das «die Gassenbuben schon hergefallen waren." „Das ist dieselbe Frau, Meister, die alle die schlimmen Jahre, ak» die Leute nichts zu essen hatten, mit ihren Äpfeln wucherte, und dem armen Volke noch nicht den Blick darauf gönnte!" rief Gabriel dazwischen. „Die Frau jammerte aber, daS weiß ich genau," erwiderte Raffael, „was sollte ich tun? — Damit aber war e» schon wieder Mittag geworden. Ich hatte meinen Alten versprochen, einmal wieder zu Hause zu essen und so aß ich zu Hause und versorgte die kranke Mutter." _JftflffoeL Raffael 1" sagte mit ernstem Kopsschütteln der Meister. ,, __ „Nein, Meister, ich weiß, was du sagen willst. Aber e» ist nicht so, ich hatte wirklich keine Zelt. Auch am Nachmittag, — ich hatte mir fest vorgenomuien, auf dem Markttttftit tz-il mit d-n faitfrw 311 u--s„.h,i> — lntirhr ich aufgehalten. Ich hörte plötzlich au» einem Hause lautes Geschrei «tih sah wmch t>aN aff.n. F.»st.», mi. «I» Sk,s»tt»-- mann seine Frau schlug. Recht unbarmherzig schlug. Mei- (ter. GS tat mir weh um da» Weib, wiewohl sie e» an dem chuldigen Gehorsam wohl mochte haben fehlen lassen. Da lehnte ich mich in» Fenster, tat, als w:nn ich nicht» gesehen und gehört hätte^und fragte den Mann, ob „er mir wohl einen guten Schuster sagen könnt«. Zuerst wandt« tt sich grimmig nach mir um, aber als ich so ganz ahnungslos tat und sachte ein Wort zum andern fügte, da» Weid auch die Gelegenheit benutzt hatte, um au» der Stube zu laufen, beruhigte er sich sichtlich. Al» ich da» sah, bat ich ihn sofort, mir gegen eine Belohnung den Weg zu zeigen, wa» er auch tat. Auf dem Wege kam ich vom Reden in» Scherzen, al» er aber lachte, schickte ich ihn nach Haust, denn ich wußte, nun würde er stiner Frau nicht» mehr tun." .Laß mich gehen, Meister!" Uriel erhob sich vom Brunpenrand: „Laß un» gehen! Er redet und redet und kommt nicht zum Ende!" „Still, Uriel! Noch eine letzt« Frage an ihn, dann gehe auch ich!" Der Meister erhob sich und schaute Raffael mit einem Blicke in die Augen, von dem man nicht wußte, war er streng oder wa» war er? „Raffael," sagt« er, „du meinst, daß es Störungen gebe im Leben. Rechnest du zu diestn Störungen auch, daß man am Abend schäkernd mit einem Mädchen am Brunnen stehen muß?" Raffael wurde blutrot im Gesicht. Darin sagte er 'leise: „Meister, du hast nicht gesehen, wie häßlich und alternd da» Mädchen war!" „Meister!" sprang Gabriel auf, „dieser Schwätzer ist nie dein Schüler gewestn! Gehen wir heim, denn die Nacht ist da!" „Nein, Gabriel, sondern die Sonne geht auf!" Mit leuchtenden Augen trat der Meister auf Raffael zu, schloß ihn in die Arme, küßte ihm Augen, Stirne und Muno und segnete ihn unter den Sternen der Nacht. Als aber Gabriel und Uriel mürrisch dreinsahen, sprach der Meister ein letztes Wort: „Drei Jünger der Menschenliebe zog ihr aus in den leuchtenden Tag. Was bist du hinausgestürmt, Gabriel, und kehrtest »vieder, trunken und selig? Und du, Uriel? Düsterer, ewig Suchender, wa» fliehst du die Welt? Geht hin und tut, wie er getan! Denn wißt: Groß ist die Menschheit, aber der Mensch ist klein! Ewig die Liebe, aber das Leben eng und kurz! Findet im Kleinen daS Große und übt eS im Kleinen! Blickt euch um, wer neben euch steht: Vater, Mutter, Schwester, Bruder und ein häßliches Mädchen unter dem Baum! Seht, da habt ihr die ganze Menschheit! Narr, wer die Welt umarmen will und geht an dem Mädchen vorbei! Narr, »ver die Welt verlassen will und läßt Vater und Mutter zurück! Und wär'S nur ein Narr! Aber in Wahrheit ist es Sünde, meine Söhne I Denn mag das Hohelied der Liebe crttingen in ewigen Harmonien, mag Prophetenwort der Liebe Verheißung künden in unsterblichem . Wort, Menschheit träumt fern und nur der Mensch ist wach und nah, und die n ä ch st e L i e b e, sie allein ist die wahre Nächstenliebe, und er hat sie heute geübt." Uon Kerg und Tal. Neuwied. Der hiesige jüdische Jugendverein trat nach über vierjähriger Unterbrechung im Dezember 1918 zum ersten Male wieder an die Öffentlichkeit. Da die Vereinstätigkeit während der Kriegszett geruht hatte, erschien eine völlige Neukonstituierung erforderlich. In einer zu diesem Zwecke einberufenen Versammlung erkkärten sich etwa 60 hiesige junge Leute, Damen und Herren, bereit, dem Ver- . ein weiter anzugesioren, und /wiclmeten durch freiwillig« - Spenden eine namhafte Summe, damit der Verein seinen Aufgaben gerecht tverden könne. Vom Dezember 1918 bis Ende Mai 1919 fanden verschiedene Vortrags- und Diskussionsabende, sowie gesellige ^eranstnstiingen statt, die im allgemeinen gut besucht Awaren. Es sprachen u. a. Herr Lehrer Ransenbera-Neuwied nflur Geschichte der Inden" Herr kln VelS-Anvernach über „Jüdische Gegenwattsstagen", Herr R. Heidelberg-Aachen über „Da» Judentum in _y der Musik". Verschiedene un» al» junge Juden besonder» interessierende Themen fanden an DiSkusfionsabenden Behandlung, an denen sich unsere Mitglieder nach Anhörung eine» durch, VereinSangehöttge gehaltenen Referat» lebhaft r"