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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-27 · 4 (27.6.1919) · p. Seite 29

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
4 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
Seite 29 (sequence 3)
Language
German
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GÜeri. Hier tobt der Kampf um die K u l t u s w a h l« refprm. Der Kultnsvorstand weigert sich, Neuwahlen «usAuschrriben, obgleich alle volitischen Körperschaften die Wahlen , bereits durchgeführt haben. In den ersten RevolutionStagen entstand unter den jüdischen Massen Wiens «ine stürmische Bewegung, -ie die-sofortige Besetzung deS jüdischen Rathauses durch. den jüdischen Nationalrat forderte. Zwischen Gemeinde und Nattonalrat kam eS darauf zu Perhandlungen, die am 5. November mit Annahme folgenden Vertrages schlossen: 1. Demission de- KultuspräfideiUen, 2. Bildung einer Pennanenzkonnnisfion für die Präsidentenwahl, Geschäftsleitnng und Aufstellung eines demokratischen Wahlrecht-, 3. Verpflichtung de- Kultus- »orstandeS, allebinnen 4 Wochen zu erledigen und sofort die Wahlen auSzuschreiben. AIS die Revolutionstage vorübergingen, kehrte der Kultusvorstand zu seinem alten Standpunkt zurück, jodaß jetzt schwere Kämpfe entbrannt sind.' Durchgesetzt sind bis jetzt nur folgende demokratischen Forderungen: die Kurie der Höherbestruerten wird beseitigt, die Frauen erhalten unter gewissen Voraussetzungen das aktive Wahlrecht, der Proporz wird eingeführt. Da- . «gen bleibt der Zensus, es bleibt der Ausschluß der Frauen. Rabbiner und Beamten von der Wählbarkeit und d i e Bedingung dex^deutsch-österreichischen Staatsbürgerschaft, an der der Kultusvorstand besonders starr festhält. Unter ' Berufung auf diesen seinen Standpunkt haben übrigens die deutschen. Studentenvereine den Ausschluß der Ostjuden - von ber Universität Wien gefordert. Stockholm. Im Namen des internationalen sozialistischen Exekutivkomitees richtete Huy s m a n S, der Se- A) kretär, der sozialistischen Internationale, einen Appell an r die Arbeiterpartei in England und an die sozialistische Partei in Frankreich, allen ihren Einfluß aufzubieten, um den Eematischen polnischen Judenpogromen sowie den AuseitUngen gegen die Juden anderer Länder de» Ostens «halt zu tun. . Jüdischer Geist and jüdische» Schicksal. Bon Dr. Uir»rr-Lt«ttin. ' Der Weltkrieg und sein Ende bedeutet für das Geschick der Judenheit eine Wendung, wie ihr eine von solcher Tragweite noch nicht beschieden gewesen, seitdem sie dem nationalen Boden entwurzelt war. Und zwar für den jüdischen Stamm auf. dem ganzen Erdball. Jetzt erst neigt sich unser Mittelalter seinem Ende zu, und unser Blick fällt auf die ' Fernen unbekannten Loses. In diesem Augenblick fühlen wir den' Flügelschlag des Weltgeistes rauschen. Und wenn wir es wagen, in die Tiefen unserer Seele und unseres Schicksals hineinzuleuchten, so empfinden wir es doppelt, daß Wahrheit nur erkannt wird, wo das Streben nach Wahrhaftigkeit sich mit der Liebe paart, die erst der Vernunft die Äugen tveit und offen macht. - v Wie des einzelnen Menschen Charakter für den überschauenden Blick sich nur am verschlungenen Bande seiner Taten aufreiht, an dem Wirken und Leiden, in denen er .seine eigene Vorsehung ist, so gilts für das Wesen der Völker. Das Geheipinis des Seins entschleiert uns Nur der Blick auf die Till; .auf ein Leben, das zum Erlebnis erwuchs, sveil inwendige Triebkräfte Daseinslos und eigenen Willen' zur Einheit verschmolzen. Welche Tatsache wirft nun au jene Grenzlinie ein Licht, in der Grundaeiinnuna chlchtk des juoiiaien Stammes in scharfer Kante s sich vereinigten? Wir wisien keine erleuchtende«, keine schärfere als die, daß wir zu allen Zeiten die Wenigen unter dÄr Vielen waren. Inneres und Außeres/Geist und Lebensentialtuna unserer Geareinschaft im heroischen? Manz des Leistens und Leidens, wie in DüftMilS Mi Verrottung und Erstarrung leiten von dorther ihre Geburt. Weil wir Wenige unter Vielen, find nicht die andem uns, wohl aber wir ihnen ftemd. Zahlreichen Juden wird es schwer fallen, zu sägen, was sie eiaentlich von den anderst trennt. Und doch vergessen selbst jene, die in ihrem jüdischen Grundgefühl längst ans» stärkste erschüttert find, kaum je die rätselhafte Scheidewand zwischen drinnen und draußen. Welch großes Stück von Unbefangenheit, von urwüchsigem, unreflektiertem, eben nur lebenden Leben geht dadurch verloren! Wir find gezwangen, unS jeden Augenblick zu bewachen, nicht weil wirf unS etwas Schlechteres zutrauen als dem Bewohner der anderen Seite deS Stockwerks, fondem weil wir mit'Recht oder Unrecht, aber sicher in Wirklichkeit, stets da» Gefühl des Gesehen-, Kontrolliert-, BeobachtetwerdenS haben, die nicht gerade behagliche Empfindung, immer aufzufallen. Der ungeheure Einfluß, den ein solches Gefühl als Stimmungsuntergrund der Seele haben muß, liegt auf der Hand. Jene Regung einer oft tiefen Niedergeschlagenheit und Nervosität kam auf, die so viel« der Unftigen plagt. Wo aber ein ftarfer, klarer Sinn für Wett und Feingehalt des jüdischen Geistes lebte und lebt, wo er in überzeugender Kraft die Herzen erfüllte und entflammte, — da mußte sich offenbar eine geistige Standhaftigkeit und ein Opfermut ausbilden, die beispiellos sind. Denn das Sein jüdischer Menschen war zu allen Zeiten der feierlichste Protest gegm Masseninstinkt und Herdenfinn. Und wie sehr sie — die Wenigen unter den Bielen, die nie mit der Faust, sondern immer nur mit dem Geist sich ihres Leben- Wehrenden — das Schicksal verängstigt und verbogen haben mag, sie blieben doch d i e Menschen, denen im Innersten nichts sichere» stand als ein Leben nach eigenem Kopf und eigenem Herzen; die letzten Blutzeugen religiöser Wahrhaftigkeit, wie ste die ersten waren. - - Wie kam das? Vom jüdischen Geist ist für die Welt am Erlebnis persönlicher religiöser Überzeugung der Begriff geistiger Wahrhaftigkeit überhaupt geprägt worden. In entlegene Fernen menschheitlicher Entwickelung müssen wir zuttlckschauen, wenn wir begreifen wollen, waS das heißt. Was war dem antiken Heiden Frömmigkeit? Nichts weniger als die Sache des Herzens, der Gesinnung, Werk de» eigenen fteien Merzeugugn, die wählt und wägt, annimmt oder verwirft; keine Bestimmtheit der Seele, in der da» Eigene he» Seins und Erlebens sich offenbatt, sondern etwas ganz anderes: Sitte. Brauch, Übung, die aus dem Lceben des Stammes flössen, in den das Schicksal ihn hineingestellt, Einrichtung des Staates, zu dem da» Volk geformt war, kurz, etwas Objektives, Uift>ersönliches, die man über sich ergehen ließ wie Sonnenschein und Regen. Ursprünglich war das im alten Israel nicht anders; aber wir sehen in der Bibel ganz deutlich die Entwickelung sich vollziehen, daß Gottesglauben und Gottbewähruno schließlich etwas ganz anderes wird als Sitte und Brauch und Ritus und Zeremonie und Tempelwesen, nämlich Überzeugung von einer Wahrheit. Dieses Neue tritt klar in dir Erscheinung an dem deutlichen Gefühl des Gegensatzes, in dem sich die altisraelitisch prophetische Frömmigkeit zu» heidnischen weiß. Niemals wäre es einem Römer eingefallen, in den griechischen Göttern Ungötter, Götzen zu sehen, so tvenig wie umgekehrt. Warum? Weil dem antiken Begreifen Göttervorstellung und Kultus sozusagen naturgegebene Eigenschaften des Staates waren, selbstverständliche Besitztümer des Stammes. So wenig aber wie fremder Stamm und Staat als nichts galten, so warens die Götter und die kultischen und rituellen Praktiken fremder Priester. Anders die jüdische Religion. Sie tritt früh mit dem Anspruch auf, die allein wahre, die allein geltende zu sein. Der eingeistigsittlich? flwt. ton sie verkündet duldet'elfervoll keine andern Götter vor seinem Angesichte. Indem aber das Gefühl solcher Einzigarttgkeit sich in die Seelen Ewr Bekeimer eingräbt, werden sie darauf hingelenkt, zwin Sein und Schein unterscheiden zu lernen, geht ihnen Gedanke mifr >" »rfrnn-nhym, Profit frifrnhrm Wls^ sen nach dem Wahren zu trackten. eben hu». iiwfr-ffrftmmffir feit de» Herzens und religiöse Wahrhaftigkeit ist. Erst MN den; Monotheismus ist einem ganzen Volke deutlich geworden, was Überzeugung von einer gristtgen Wahrheit überhaupt bedeutet. Dieser neue Gottesbegriff hat als seine Kehrseite und sein subjektives Gegenstück das Gefühl der Auserwähltzril

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