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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-20 · 3 (20.6.1919) · p. Seite 20

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
3 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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melancholischen Gedanken damit zu vertreiben. So viel inir bewußt ist und so viel es sich tun läßt, will ich beschreiben von meiner Jugend an, was mir noch eingedenk ist, was pasiiert ist. Nicht etwa, daß ich mich überheben oder mich als fromm hinstellen, wollte. Nein, ich bin eine Sünderin, die alle Tage, alle Stunden, alle Augenblicks voll Sünden ist, und bin leider von weWg Sünden ausgeschlosien. Gebe Gott nur? daß ich für meine Sünden rechte Buße tun könnte! Aber die Sorge um meine verwaisten Kinder, mit denen ich allein zurückgeblieben bin, und das weltliche Wesen lasten mich nicht zu einem solchen Stande ' kommen, wie ich gern wollte.- Ich habe die Absicht, euch meine Lebenserinnerungen in sieben kleinen Büchelchen zu Hinterlasten, wenn mich Gott am Leben läßt. Es wird sich wohl,am besten schicken, wenn ich mit meiner Geburt anfanae. Es war — meine ich — im Jahre 5407 (= 1646/47) in der Gemeinde Hamburg, daß mich meine fromme Mutter zur Welt gebracht hat. Wenn auch unsere Weisen sagen: „Es iväre bester, wenn man nicht erschaffen wäre," weil der Mensch auf dieser sündigen. Welt so viel ausstehen muß, so danke ich doch meinem Schöpfer und lobe ihn, daß er mich nach seinem Willen und Wohlgefallen geschaffen hat, und bitte ihn, mich in seinen heiligen Schutz zu nehmen. Mein Vater war Locb Pinkerle, ein gar frommer Mann. Wer hungrig in sein Haus hineingegangen ist, ist satt wieder herausgekommen. Er hat seine-' Kinder, sowohl Söhne als Töchter, in göttlichen und in weltlichen Dingen unteriveiscn lasten. Als ich noch keine drei Jahre alt war. wurden alle Juden von Hamburg ausgetrieben und mußten nach Altona ziehen, das dem König von Dänemark gehört, von dem die Juden gute Schutzbincfe haben. Dieses Altona ist kaum eine Viertelstunde von Hamburg entfernt. In Altona waren damals schon ungefähr 25 jüdische Haushaltungen; dort hatten wir auch unsere Synagoge und unfern Friedhof. So haben wir eine Zeitlang in Altona gewohnt und endlich in Hamburg durch große Bemühung erreicht, daß man den Juden in Altona Paste gegeben hat. so daß sie in die Stadt (Hamburg) gehen und dort Geschäfte treiben durften. Ein jeder Paß hat für vier Wochen gegolten; man hat ihn von dem reirrenden Oberhaupt des Rates (— regierenden Bürgermeister) in Hamburg bekommen; er hat einen Dukaten gekostet, und wenn der Paß abgelaufen war, hat man wieder einen neuen nehmen müssen. Aber aus den vier Wochen sind oft acht Wochen geworden, wenn Leute Be-' kanntschaft mit dem Bürgermeister oder mit Beamten hatten. Die Leute hatten es leider Gottes sehr schwer, denn sie haben ihr ganzes Geschäft in der Stadt suchen müssen und so haben manche arme und bedürftige Leute oft geivagt, sich ohne Paß in die SMdt hineinzuschlcichen. ' Wenn sie dann von Beamten ertappt wurden, hat man sic ins Gefängnis gesteckt; das hat alles viel Geld gekostet und man hat Not gehabt/ sie wieder frei zu bekommen. De? Morgens in aller Frühe, sobald sie äus deml-Bathaus gekommen sind, sind sie in die Stadt gegangen ünd gegen Abend, wenn man das Tor hat zumachen wollen^ sind sie wieder nach Altona zurückgekehrt. Wenn die armen Menschen herausgegangen sind, sind sie oft ihres Lebens nicht sicher gewesen wessen des Judenhaffcs, der bei Bootsleuten, Soldaten, und anderem Volk herrschte, so daß eine jede Frau Gott gedankt hat, wenn sie. ihren Mann wieder glücklich bei sich hatte. Zu jener Zeit waren kaum 40 Hausyaitungen Hort, mit denen, die von Hamburg mach -Altona gekommen waren. Es sind unter ihnen damals keine besonders reichen Leute gewesen, doch jeder hat sich ehrlich Ernährt. Die reichsten in jener Zeit waren: Chain, Fürst mit eindm Vermögen von 10 000 Reichstalern, mein ——seliger Vater mit 0000, andere nur buuu, einige auch mit 2d00. Aber sie haben in Großer Liebe und Anhänglichkeit miteinander gelebt mid haben int allgemeinen ein besseres Leben geführt als "in jetziger Zeit die Reichstem; wer auch nur 500 Reichstalcr im Vermögen gehabt hat. hat sich's ganz wohl sein lasten und jeder hat sich mit seinem Anteil viel mehr gefreut als in jetziger Zeit, wo dt« Reichen nicht zu ersättigen find. Von ihnen heißt eS: Kein Mensch stirbt, der auch nur die Hälfte seiner Wünsche erfüllt gesehen hätte. Von meinem Vater erinnere ich mich, daß er ein Mann von Gottvertrauen gewesen ist, der nicht seinesgleichen hatte, und wenn er nicht so sehr mit dem Zipperlein behaftet gewesen wäre, hätte er es noch weiter bringen können. Aber auch so hat er seine Minder ganz gut und ehrlich ausgestattet.- N»> Krrg sri ®sl. , Hamm a. d. Sieg. Der Repräsentant unserer Gemeinde, Herr.Callmann Tobias aus Betzdorf, feierte am Pfingstsonntage in voller Rüstigkeit im Kreise seiner Familie seinen 75jährigen Geburtstag. » O O Unsere Gemeinde geht der Feier des 25jährigen Bestehens unserer Synagoge entgegen» Vorstand und Repräsentanz haben beschlossen, dies Ereignis durch einen Festgottesdienst in der Synagoge am kommenden 9. August (Sabbath. Nachamu) feierlich zu begehen und am Abend einen Festball folgen zu lasten. * ' * * Herr Moritz Bär aus Dortmund, ein geborener Hammer, hat aus Dank für die glückliche Heimkehr aus dem Kriege unserer Synagoge eine prächtige Schulchandecke gestiftet. Auch find bei der unter allgemeiner Betelligung am vergangenen 15. Februar in uysever Synagoge abgehaltenen Kriegsdank- und Gedenkfeier unserer kleinen Gemeindr wohltätige Spenden von über 1060 M. zugeflosten. Leider befinden sich noch immer unsere Freunde, Herr Karl David, Sohn des Herrn Leopold David, Wd ferner auch ein Sohn des Herrn Simon Simon aus Rosbach in Kriegsgefangenschaft. Ihr« Rückkunft wird un8 hoffentlich recht bald erfreuen. * * . « Berncastel. Von den Kriegsteilnehmern unserer Gemeinde wurde aus Anlaß ihrer glücklichen Heimkehr ein namhafter Bettag gespendet, der zur Anschaffung einer neuen Thorarolle verwendet werden soll. * . * Am 13. ds. feierte Frau David Thal geb. Josef ihren 50. Geburtstag. Die wackere Greisin erfreut sich noch einer außerordentlichen Rüstigkeit und versieht vollständig allein ohne jede fremde Hilfe ihren kleinen Haushalt. Vor , 2 Jahren konnte sie mit ihrem Gatten das Fest der goldenen Hochzeit begehen. Wir wünschen ihr noch einen langen erfreulichen Lebensabend „bis zu 100 Jahr". Zeltingen. Von roher Hand wurden hier kürzlich auf dem jüdischen Friedhof etwa 12 Grabsteine.umgeworfen und die Inschriften zum Teil mit Gewalt zerstört. Auf die Ermittelung der Täter sind von der Gemeinde 300 M. Belohnung ausgesctzt worden. Aus den, Bergischen Lande. Am 22. Mai starb in Elberfeld der frühere langjährige Gemeindevorsitzende Herr M a r S i m o n und wurde am 25. Mai mit hohen Ehren zu Grabe getragen'. An der Bahre sprach neben dem Rabbiner .Herr Rechtsamvalt Brück als Vertreter der Belgischen Loge. Der^ Verstorbene hat 35 Jahre der Elberfelder Genwindcvertretung angehört und' war außerdem 10 Jahre lang Mitglied des Stadtverordnetcnkollegiums. Er genoß hohes'Ansehen und erfr,„ti> sich Tlebihett. _ Dkr Jüngere. . , _Bon Dr. ». —--,-,- Unter all den Gedanken, die das Gesetz per, Thora durchwalten, hat sich keiner im jüdischen Volksleben eine jo überragende Stellung erworben, wie der Gedanke der Auserwählung. Nicht nur daß er der sinaitischen Offenbarung als Bundesgedanke ihr Gepräge gab, auch das' Sittengesetz selbst ist durch diesen Gedanken der AuÄese

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