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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-13 · 2 (13.6.1919) · p. Seite 12

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
2 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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einen Segen auf die Häupter der Enkel. Wenn die.Derl gangenheit Israels der.Kern unseres Gottesdienstes ist. so gehört auch seine Zukunft dazu, die in den Hoffnungen und! Tröstungen dieser Pergangenheit vorweggenommen ist. So •+ rünbct uns denn auch jede Seite unseres Gebetbuches von > ..jenen Tagen", von der Erlösung Israels und der Be? frciung der Welt, die die Profeten gesehen und verheißen, Jahrtausende aber ersehnt und erdetet haben. Erinnerung ^ud-Pe<heiMM sind somit Aufzug und Einschlag im Gewebe unseres Gottesdienstes, ein ewig sich wiederholendes Leitmotiv iin Zusammenklang unzähliger Stimmend Und sind im Grunde doch noch viel mehr;.find immer , die tiefsten Regungen unserer Volksseele gewesen. Darum ist auch unserer Gebetbuch der treueste Spiegel Israels für alle Zeiten. 'Aus den Profcten, den Psalmen, der Spruchiveisheit, der mündlichen Lehre mag man wohl einzelne Zeitstimmungen wiedererkennen, di« Seele Israels gibt fein Buch unserer Vergangenheit so rein und unvermischt ivieder wie gcräde unser Gebetbuch. Hier haben wir den täglichen Gefühlsausdruck unseres Volkes, hier ist nicht der Festsaal seiner auserwählten Gefühle, sondern das Herdfeucr, an deines zu Hause ist. Hier wandeln wir durch die (beschichte Israels, nicht wie sie war, sondern wie sie vom Volke empfunden wurde. Hier haben wir nicht nur sein Denken und Dbchten. sondern auch das Wollen Israels. sein religiöses Selbstbewußtsein. So betet nicht bloß ein religiöser Mensch, so betet ein religiöses Volk, das im Bewußtsein einer göttlichen Sendung lebt. Und doch wird auch wieder jede? einzelne mit seinen persönlichen Schmerzen und Freuden in diesen Blättern alles finden, was er sucht: Tr^t, Frieden, Erhebung. Denn diese Blätter reden nicht nur zu Israel, sondcm auch zu dir x»ud mir. Wie könnte es auch anders sein? Zwei Jahrtausende haben an diesem Buche gearbeitet, bis es in «einer heutigen Form vorlag. - So ist es auch das Lachen und Weinen, das Hoffen und Harren, das Klagen und Jubeln ziveicr Jahrtausende, das aus ihm spricht. Hier fomnit der königliche Dichter zu Worte, der Weise Babylons. der Poet Spaniens bis auf den Mittelalterlichen Sänger, der den Schmerz und die Freude seines Lebens in Piut-und Selicha goß. Und in dieser tausendstimmigen Symphonie tiefsten Leidens und höchster Freude sollte nicht jeder auch die Töne finden, die ihm zu Herzen gehen? Wohl ist eS wahr: In den meisten unserer G-bete spricht nicht der einzelne, sondern Israel. ..Unser Gott 'und (Mt unserer Vater!" lautet die immer wieder kehrende Formel. Jeder Betende spricht jenes herrliche ..Wir", das stärker als irgend ein Wort unseres heiligen Schrifttums die Einheit und Einigkeit Israels predigt: Nicht ich — '„wir haben gesündigt!" Aber liegt nicht gerade darin auch für jeden einzelnen mit seinen Noten ein guter und starker Trost? Mit dem ersten Worte, das er l»etet. wird ihm schon gesagt, und muß auch sein Herz es ihm sagen: Du.bist, nicht allein mit deinem Kummer und deiner Freude, neben dir stehen Hunderte, Tausend? in Gottes weite? Welt, die fühlen, lieben, leiden und Trost suchen wie du : und cs gibt einen Schmerz und eine Freude, die allen gemein ist. einen jüdischen Schmerz und eine lüdische Freude, so wirf deine Last auf die allgemeine Last und tröste dich mit dem allgemeinen Tröste! So findet in unseren Gebeten die Seele Israels ihre Ruhe, und jedes einzelne hoffende Herz seinen Frieden. „Denken Sie sich diese Unverschämtheit : Zehnmal hinter einander bin ich jetzt, Schabbes in Schul gewesen und nicht ein einziges Mal ausherufen worden! Zuerst Hab' ich gemeint. eS sei ein Versehen. Aber wie ich heute morgen den Parnes stelle, guckt er inich von oben bis unten an und meint, er laste sich keine Vorschriften machen". Nun,.er soll mir noch einmal.den Schamme.S mit einer Mizwe schicken: Ich schilf sie ihnr zurück, so wahr, wie ich Meyer heiße!" .Herr Meyer. Herr-Meyer, ich bin Ihnen ein guter Freund, aber nehmen Sie's nicht übel, das dürfen Sie» nicht tun! „Was? Was sagen Sie? Immer übergangen werden und dann noch Grobheiten hören?" Gestatten Sie eine Frage, Herr Nteyei: Wissest Sie. ivas eine Mizwe ist? . „Eine Mizwe ist ein Kowed, und den Kowrd, den alle haben, den darf ich auch beanspruchen." Ter erste Irrtum, Herr Meyer: Eine Mizwe ist kein Kowed, sondern eben eine — Mizwe. Keine Ehre, sondern eine Pflicht, der jeder Jude nachznkommen hat^ Wer sich der Mizwe des Aufgehens entzieht...der entzieht sich der Pflicht^ das heilige Bekenntnis zur Thora abzulegen. Der, beleidigt die Thora, nicht den Paxnes. „Donnerwetter, Herr, wollen Sie den Parnes noch >n Schutz nehmen? Hat der Parnes nicht jedenfalls die Pflicht, die Mizwes gerecht zu verteilen?" _ Hat er! Hat er ganz l»estiinmt! Er darf nicht nach Rang und Stand, Geld und Titel, höchstens noch nach dem Alter gehen. Denn bei uns Juden gehen ja inimer die Alten voran. Sie allein sind an den höchsten Feiertagen aufzurufen., da gilt einfach die Regel: Je näher dem Grabe, desto näher her Thora! v Wenn man mich änr Jonr Kippur aufrufcn würde, würde ich mich im Spiegel begucken, ob ich denn schon gar jo alt aussel-e. Aber abgesehen vom Alter oder nöch von Trauer, Tod und dergleichen. lvas uns Juden immer bevorrechtet oder, bester „bcvorpflichtet", gibt es nichts, tvas uns vor die andern stellt. Wir sind alle gleich. Ja, lwim man's recht machen will, muß man heute sogar den jüdischen Soldaten aus England aufrufen, wie man früher den russischen Kriegsgefangenen aufrufen mußte. Denn noch einmal: Eine Mizlve ist kein Äolved, sondern das Gesetz, dem jeder Jude auf dem Erdenrund unterivorfen ist, und das zu bekennen, jedem nach Möglichkeit die Gelegenheit gegeben werden muß. dem i Row Zwiegespräche. Bon Ju bal. I. v Mizwes. Hollah. Herr Meyer, laufen Sie nicht so! „Lasten -sie mich laufen!" Nanu? So böse? „Ich ärgere mich!" Wonilvr ärgern Sie sich denn? Alfo"muß'döch gerecht verfahren iverden!" Gewiß! Aber, wenn einmal ein Parnes nich^gerecht. verfahrt, was kann die Thora dafür? Eine Mizwe ausschlagen heißt die Thora entgegen lasten, was — vielleicht! — der Pyrnes verfehlt! * „Wie kommt es aber, daß Jontef für Jonlef immer die Parnoßim aufgerufen tverden?" Pst, seien Tie still! So schlimm ist es nicht. Außer-' t Parnesjein ein jchtveres Ami. -Fast so schwer tvic ein. Row sein ist noch ein bischen — nur ein bischen! — schwerer. Für den Parnes ist cs ebenso schwer, voll gerecht zu sein, wie es in den Kriegsjahren für den Metzger schwer war. in seinem Laden die Ochsenviertel hängen zu haben und sich doch mit der ihm zustehende» Fleijchration zu begnügen. Wieviel solck)er Metzger hat's gegeben? Sicher doch noch mehr gerechter Parnoßim als gerechter Metzger. Aber freilich auch: Gerecht muß yian sein! Wie jeder Jude das Recht hat auf die Mizwe, d.. h. Zeder Parnrs die Pflicht, DtcV Rechte des einzelnen zum Durchbruch zu verhelfen. Wie groß, unser Judentum ist. können wir an diesen MizweS lernen und an Ihrem Beispiel, das, wenn nicht der dumme Arger dabei wäre — hören S»eauf. die Stirn zu runzeln! — ein sehr schönes und Hobes Beiivicl wäre: Nämlich ein— Beispiel dafür, tvic bei uns anders als 'sonstwo in der pflichtscheuen Welt die Pflicht der Thora als gutes Recht gefordert und als einzige Ehre geniertet wird. Ein Kowedchapper ist gewiß ein übler Mensch, aber sich zur Thora drängen, ist echter jüdischer Brauch. Nur darf man sich nicht vordrängen, denn der andere ist auch da und jeder,

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