Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-13 · 2 (13.6.1919) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
2 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437011--0017-3947629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

»Part». Di« angebahmen Verhandlungen zwischen ken Vertretern der polnischen Judenschaft'und der polnischen diplotnflttschen Vertretung in Paris find leider ergebnislos verlaufen, so daß sich die daran ge« knüpfte Hoffnung auf Einstellung der Pogroms alS trüge- . risch erwiesen hat. Die Nachrichten auS Polen lauten von Woche zu Woche trostloser. London. Colonel Wedgwood interpellierte. inrUnterhause den Staatssekretär des Nutzern wegen der Pogrome in PinSk. Lida und Wilna. Der Unter« staatSsekretär Cecff Hamsworth erwiderte, daß der Vertreter der englischen Regierung in Warschau Instruktionen erhalten habe, nach denen er dringende Vorstellungen bei der polnischen Regierung erheben solle., * * , Rewyork. Hier werden große P r o r e st v er j a m inlungen abgehalten, in denen verlangt wird, daß Polen der Zutritt zum Völkerbund »«erweigert werde. so lange cS der» Pogromen nicht Einhalt tue. Auf einer der letzten Ver« Sammlungen sprachen Jakob Schiff und der frühere Präidentschaftkandidat Hughes in demselben Sinne. Wie unser Grdekduck rntfian»').. 'Bon Emil Cohn. TS waren die Tage der babylonischen Gefangenschaft — die folgenreichsten der jüdischen Geschichte — in denen der Grundstein zum Gebäude unseres Gottesdienstes und unserer Gebetordnung gelegt wutde. Der Tempel war gefallen. sein Kult mit ihm, und das Volk saß an Babels Strömen und beweinte fern der verödeten Heimat sein her- . > beS Geschick. Der Sturm der Tage war wie ein schwerer Traum über die Juden gekommen, sie konnten gar nicht fassen, daß nun Wirklichkeit' geworden war. waS die Profeten so lange schon geweissagt hatten. So nahmen fic eS auch gar nicht als Wirklichkeit, sondern fühlten fich durch ^•»a» dunkle Walten Gottes nur ihrer wahren Wirklichkeit entrückt, die nirgend anders als auf den Bergen der Heimat war. Sic wollten und konnten auf fremder Erde keine Wurzeln schlagen und lebten so recht eigentlich ohne lebendige Gegenwart. Denn die Gegenwart, die der Feind ihnen in seinem Lande bereitet hatte, konnten sie als lebendig nicht anerkennen. Da vollzog sich denn inn Volke ein einschneidendem Wandel der religiösen Auffassungen und Formen. Man 'suhlte, daß die Zeit der Offenbarung und Profetie im Schwinden war. der fremde Boden barg nicht di« vulkanischen Mächte, die unter der heimatlichen Scholle geglüht und von Zeit zu' Zeit in gewaltiger Eruption einen AmoS. Jesaja. Jeremia an die Oberfläche des Volkes geschleudert hatten. Der Altar religiöser Leidenschaft war bis auf einige letzte flackernde Flämmchen ausgebrannt. Aber es katt, dafür eine neue, anders geartete Religiosität auf. < Der Zusammenbruch jener Tage bracht? etwas mit sich, was die wilde kriegtaumelnde und-leidenschaftbewegte Zeit, die voranging, trotz aller profetischcn Mahnungen niemals im Volke hatte erzeugen können: Die Selbstbesinnung. Wohl war den Juden jetzt der Boden unter den Füßen wcggezogen, aber gerade diese Tatsache hob sie über ihr eigenes Schicksal hinaus und gönnte ihnen einen Blick aus der Höhe. Ohne befriedigende Gegenwart lernten sie es jetzt, vorwärts und rückwärts <u schauen, an oer Vergangenheit fich zu erheben, und in der Zukunft Trost zu finden. An die Stelle de? religiösen Leidenschaft zürnender Profeten trat die ruhevolle Sehnsucht suchender Seelen, an die Stelle eines religiösen Werdens voll Kampf und UlMgorenheit ein religiöses Sein beginnt. Was aber mehr bedeutet, es beginnt eine Zeit neuer religiöser Formen. - V 1) 3m Berlage von M. W. Kaufmann. Leipzig, erschien eine 'schöne Ausgabe deS alten Sachöschen Gebetbuch!, zu dem ich ein« Einleitung schrieb, der diese Ausführungen entnommen find. Emil «oh». LS war eine Entwicklung, die fich nicht nur au» der Zeik st i m m u n g. sondern mit Notwendigkeit auch au» der äußeren Zeit läge ergab. Da» Herz de» Judentum», der Tempel, war gebrochen. Damit war der alt« Dienst mit seinen Opstrn und Gebräuchen erledigt. E» mußte nun unter den Verbannten «in Ersatz geschaffen werden, ein Ersatz nicht nur für den verlorenen Tempeldienst, sondern auch für da» verlorene Land, ein« neue geistige Heimat. bis es Gott gefallen würde, dem Volke die alte wiederzugeben. So kamen die allsabbathischen Versammlungen auf, in denen man fich vereinigte, um den alten Erinnerungen und neuen Hoffnungen zu dienen. An Stelle der lebendigen Profetischen Rede, die man entbehren mußte, »rak.das verlesene Wort. Man laS sich die alten Thoraschriften und Profetischen Rollen vor und unterhielt fich daneben über die Erwartungen, die man auf die Zukunft fetzte. In jenen.Versammlungen war eS nun. daß die ersten Anfänge fester Gebetformen entstanden; die Stimmung deS, Volkes, sein Schmerz und Hpfsen. strebte nach Kristallisation und fand sie im Gebete, im Bekenntnis, und im Lieh.e. Es ist sehr wahrscheinlich, daß schon damals das Sch'ma. die Keduschah und die.Tefillah in den Mittelpunkt des Gottesdienstes rückten. Jedenfalls tvaren damals die Urformen gegeben, und es konnte jene zweitausendjährige Arbeit beginnen, dir unser Gebetbuch" schuf unp es zu dem machte, was es ist und bleiben wird: Der Trostquell Israels. Man muß diese ganze Ennoicklung in ihren entscheidenden Wandlungen begriffen haben, um sich den unvergleichlichen Reichtum unseres Gottesdienstes erllärcn zu können. 'Ist die Mannigfaltigkeit, die wir hier vor un» sehen, nicht geradezu erstaunlich? Da haben wir vereinigt: Die Thora mit ihren Geboten, die Profiten mit ihren Verheißungen. die Inbrunst der Psalmen und die schlichte Einfalt der Segensprüche. Neben der religiösen Bitte steht die religiöse Erzählung und das geschichtliche Erlebnis neben dem Ergug eines einsamen Herzens. Aber so vielgestaltig auch dieser Gottesdienst in seinen Formen ist. er fällt dochnicht auseinander,. weil er von zwei ehernen Reifen gehalten wird: Vergangenheit und Zukunft, und iveil cs zlvei Töne sind, die die Grundharmonie all unserer Gebete bilden: Erinnerung und Verheißung. Es sind, wie man sieht, die Töne der babylonischen Gefangenschaft, die noch heute nach mehr alis zweitausend Jahren nicht verklungen sind, und derjenige Jude, dem noch heute der.Klang jener Harfen zu Herzen geht,dieaw den Strömen Babels rauschten, ihm wird auch unser alte» Gebetbuch'keiift stumme Harfe sein. E i n ne*r u n g! Es gibt kein Wort, das in unseren Gebeten häufiger vorkäme als das Wort vom „Gedenken". Ist nicht jedes unserer Feste ein Erinnern? Und wenn^ wir durch unser Jahr wandeln, wandeln wir nicht durch, unsere Vergangenheit? Was sind unsere drei Wallfahrtsfeste denn anderes als ein symbolisches Wiedererleben unserer .tzeilsgeschichte? Der Auszug aus Egypten, der Israel zum Volke machte (Pesach). der Sinai, der ihm seine Religion gab (Schowuans). die Wnstenwanderung. die ' Volk und Religion aneinander schweißte (SukkauS), sic sind der dreifach gemauerte Grund. auf dem unsere Synagoge sich erhebt. Wir tun nichts als die alten Zeiten erneuern» wenn wir jene Feste'in Freuden begehen. _Und wie es im Großen ist, so ist eS im Kleinen. Wenn , wir allsabbathlich unsere Thora aus dem Schreine heben, so tun wir es mit denselben Worten, mit denen Mose den Aufbruch der Bimdeskade geleitete, und wenn wir aM Versöhnungstag die Aboda, das Nicderknien, vollziehen, wir tun es mit der geheimnisvollen Erzählung von der alten Aboda im Tempel zw Jerusalem-—Erinnerung, nichts afe Erinnerung. Neben ihr aber, sie ergänzend und mit froher Freude krönend, steht die V e r h «i ß u n g. Sic ist nichts anderes als das zweite Gesicht der Erinnerung. Denn cs gibt keinen Glauben an die Vergangenheit ohne einen Glauben an die Zukunft, und es gibt keine Ehrfurcht vor den Ahnen ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.