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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-04 · 1 (4.6.1919) · p. Seite 4

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
1 (4.6.1919)
Date
1919-06-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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„Mann, unser Becher, unser silberner Becher ist fort!" ,L8as soll daheißen, Riwke?" , - „Der Becher stand, wie du weißt/ mitten auf dem Tisch im Zimmer, wo wir die Schiwo hielten, mitten'auf dem Tisch stand der Becher —." Sie holte Atem, faßte fich an die Brust und mußte sich setzen. Nun, und?" fragte Red Jizchok. Da sagte die Frau mit einem zornigen Blick zur Tür hin: „Ich Hab den Becher noch stehen sehen, alder Rebbe sich einschloß. Niemand war di« letzte Stunde im Zimmer außer dem —" „Riwkel" rief der Gabaj und hob 6ie,Hände vor Entsetzen: „Riwke I Du willst doch, nicht sagen, daß der heilige Mann-" „Geh zum ReVben und hol mir den Becher!" rief die Frau und verließ das Zimmer. * * * s Red Jizchok, der Gabaj, hatte schwere Tag« mit seiner Frau. . Sie blieb dabei, daß nur der Rebbe und er allein den Becher haben könnte, niemals aber hätte Reb Jizchok die Kraft aufbringen können, dem heiligen Mann mit solcher Sache unter die Augen zu treten. Schließlich aber, niürbe ob des hartnäckigen Wesens seiner Frau, gestattete er ihr, zum Rebben zu gehen, aber nur unter der Bedingung, so mit dem heiligen Ma^n zu reden, wie er es sich nach einigen schlaflosen Nächten ausgedacht hatte. Er gab ihr 300 Rubel, die sollte sie dem Rebben geben und ihm sagen, der heilige Mann müsie wohl seine geheimen und guten Gründe gehabt haben, fich den Becher anzueignen, aber der Becher sei ein altes Familienstück und ob sie ihn nicht zurückkaufen dürften. Als Riwke vor dem Rebben stand und ihm in seine tiefen, vom Beten und Fasten umrändetten und geröteten Augen sah, ward ihr doch ein wenig.anders zu Mut, als sie es sich vorher mit ttiumphierenden Gedanken ausgemalt hatte. Nur stotternd brachte sie vor, was sie hatte, um es im nächsten Augenblick tief zu bereuen. Denn der Rebbe war unter der Wucht des Gehörten in seinen Stuhl zurückgefallen und zitterte am ganzen Leibe. „Mach mich nicht unglücklich, Frau! Riwke, mach mich nicht unglücklich!" stöhnte er. Also hatte er wirklich —! Riwke war aufs Tiefste erschüttert, als sie den heiligen Mann so vollkommen elend und fassungslos sah. Sie fing selbst zu weinen an. Dann aber legte sie das Geld^uf ben Äsch. niemand wird es wissen. Laßt esEuch nicht nah gehen, —wir sind reich. Nur gebt mir den Becher, Rebbe!"-- „Ewiger Gott," rief der Rebbe, „der Becher ist nicht mehr da! Er ist fort, veräußett, Riwke I" Da verließ Riwke den heiligen Mann und wankte nach Hause. Sie war ganz aus dem Geleise geworfen und noch mehr ihr Mann, als er erfuhr, was geschehen war. Beide wagten sich nicht auf die Straße, aus Furcht, dem Rebben zu begegnen, denn seltsam, sie schämten sich tief. ... ^Einige Tage später saß der Gabaj über den Rechnungsbüchern der Gemeinde, da hörte er plötzlich im Nebenraum den lauten Schrei seiner Frau. Er ritz die Tür auf und erblickte Riwke an der Erde kniend neben dinetsi Wäschekorb, in dem sie offenbar soeben gekramt , hatte. Die eine Hand hielt sie auf die schweratmende Brust gepreßt, in der andern erblickte der Gabaj — den Becher. /Was soll ich tun,-Mann?" jammerte sie. „Mann: was soll ich tun? Wie ich damals nach der Schiwo im .Dunkeln den Tisch abdeckte, muß ich den Becher mit der Tischdecke gegriffen und in die Wäsche geworfen habm. Was Hab ich dem Rebben getan? Allmächttger Gott, was Hab ich dem, Rebben getan?^--- Da hob Reb Jizchok. der Gabaj, seine Lande zum Himmel und sagte 'mit erstickter Stimme den Segen, den der Jude spricht, wenn eine erlösende Botschaft ihre ereilt: „Boruch hatauw .w'hametiw! Gesegnet der Allgüttge für und für!" ... I . In der Stube des Rebben lag Rswkt, das Weib des Gabaj Jizchok, vor dem heiligen Mann auf den Knien und küßte ihm immer, wird« die Hände. . „Steh auf, Riwke! Eine Jüdin und knien!" sagt« er leise. > Da hob sie die Augen zu ihm und fing wieder zu sprechen an: „Aber Rebbe, sagt mir doch, warum habt Ihr so seltsam gehandelt? Warum faßtet Ur nicht gleich —" „Still, Riwke!" sagt« der Rebbe. „Ich sah, daß du mich in Verdacht hattest, ein Dieb zu sein. Da fürLtetr ich. du könntest mich auch noch zu Unrecht für etnen Lügner halten, wenn ich sagte, ich Hab den Becher nicht. Da sprach es in mir: Nimm den Dieb auf dich, Rabbi Israel, damit die Frau nicht auch noch den Lügner xa tragen hat! Weib des Gabaj» es ist süß des andern Sünde zu ttagen, glaube mir, süßer ist nichts auf der Welt!" „Du hast mehr gettagen als die Hälfte meiner Sünde. Rebbe!" weinte Riwke. „Siehst du?" schloß der Rebbe, und seine Stimme war sanft und klar, „so laß mich auch die Hälfte deine- Zornes ttagen und steh auf und ttöste dich um dein Kind!" Da stand Riwke, das Weib des Gabaj Jizchok auf. bekannte sich zum Rebben und ttösttte sich um ihr Kind. — Avr der Koteitasche gefollea. - ~ Ein Schnorrer kommt zu einem Bankier und klagt ihm sein Leid. „Sie können fich nicht vorstellen," sagt fr, wie ich vom Unglück heimgesucht werde. Wo ich geh und steh, überall verfolgt mich das Unglück wie mein Schatten. Sehen Sie, Herr Bankier, ich bin zum Beispiel ein Musikant. Was ist? Trifft mich das Unglück, daß ich verliere mein Instrument." — „WaS spielen Sie denn?" ftagte der Bankier. — „Das Waldhorn blas ich," gab der Schnorrer zur Antwort. Da öffnete der reiche Mann einen Schrank und sprach: „Na, beruhigen Sie sich! Zufällig besitze ich eins. das. will ich Ihnen schenken; aßet spielen Sie mir mal ein Stückchen draüf vor!" — „Nu." fragte der Schnorrer, „ist das nicht ein Unglück? Au-» gerechnet müssen Sie haben ein Waldhorn." - (Schlemiel 1903.) Kücherschov. va« Obergutacsiten im Ootterlülterungoproreß frttfdi. Seit Jahren belästigt Th. Fritsch in Leipzig, ein — Radauantisemit, übelster" Sor^e, die Öffentlichkeit mit seinen schmutzigen Angriffen gegen Juden und Judenttun (in seiner Zeitschrift „Der Hammer"). Vor einigen Jahren versuchte er nun, diesem Antisemitismus die wissenschaftliche Berechtigung nachzuweisen durch sein Buch „Bewei-- material gegen Jahwe". Überall schon mehrfach vom Gericht verurteilt, wurde er diesmal wieder angeklagt, aber infolge des Gutachtens des Leipziger Gelehrten Kittel („Judenfeindschaft oder Gotteslästerung"). freigesprochen. Wenn Fritsch den Gott der Juden „den Schützer des Unrechts", „der getteulich übervorteile und entwenden hilft," seinen Stammesgötzen, der den Juden bei ihren nichtswürdigen Handlungen den Ratgeber und Helstr spielte." „eineit Menschenschlächter, in dem kein Funke von Mitleid und Gerechtigkeit wohnt" nennt, so ist es zumindest seltsam, wenn hier ein Obergutachten abgegeben wird, -in dem ein Gehetmrat wtssenschaftlichzu beurteilen hat, ob Gott zu Recht oder zu Unrecht angeklagt ist. — Kittel hat versucht (und die Sttafkammer hat fich blenden lassen), da- Wesen der Fritschschen Angriffs zu verschleiern, indem er einen Gegensatz konstruiert zwischen dem prophetis' ' ' chenJud .. .modischen Judentum nsid einer frühtfraeltttschen religioy" und erllärt, daß Fritschs Sudeleien fich nur gegen diese letzte richten, somit unS Juden gar nicht träfen, gegen den diese „Volksreligion" zwar zu sehr verallgemeinert, aber doch stets mit einem WahrheitÄern gerichtet seien.

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