Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (4.6.1919)
- Date
- 1919-06-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6435936--0008-3947621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mit dem Ekrnhe des Gesetzehat fich Gott am Sinai offenbart- Kein« Wunderaeschichte mit goldener Him- ' melsleiter, kein träumensches Schastspiel mit Engelscharen um einen Thron: — Diese Offenbarung war nichts als ein einfaches: „Du mußt!", seine Morie das schlichte „Du sollst!' des menschlichen Gewissens. Tsst junge Freiheit des Auszuges aus Egypten wurde besiegelt durch das Gesetz der zehn Bundesworte, das allein die wahre Freiheit verbürgen kann, denn auf diesem Gesetze und durch dieses ' Gesetz allein stehen und dauern die beiden ewigen Säulen, die den Tempel Israels tragen: Menschheit und Menschlichkeit. Bundeswortc waren es, und wenn sie den anderen zu einfachen „Zehn Geboten" wurden, ans blieb cs der Bund bis auf diesen Tag: „Ihr sollt mein Volk sein und ich euer Gott!" Und weil cs der Bund war, darum war es der Felsen für Israel, das Vertrauen auf den ewigen Bundesgenossen, der uns Hilst aus jeder Not. in dessen Liebe, in dessen Frieden, in, dessen Wahrheit wir ausruhen und, feiern können alle Tage. - Und so wollen wir es feiern, unser schönes Wochenfest, feiern in bitterböser Zeit. Bei den argen Zeitlichkeiten, den dunklen Verworrenheiten, die mir jetzt erleben, wird der Sinai uns'mahnen, daß es Ewigkeiten gibt,, die all der Dinge spotten. Glorien, vor denen selbst diese zerfetzte Wirklkchkeit wie ein nächtlicher Spuk verweht, und Offenbarungen dauernden Wertes. Er wird uns mit der ehernen Stimme seines „Du sollst!" erinnern, was unsere Pflicht ist und daß wir in strenger «Pflichterfüllung allein die Freiheit finden können, die wir, ach, heute so bitter entbehren. 'Vor allem aber wird er uns aus seinen Felsen den Widerhall des Trostes senden, der uns sagt, daß wir noch immer einen guten Bundesgenossen haben, wir Juden, und daß unser Bündnis mit ihm kein diktierter Friede, kein Fetzen Papier, sondern der ewige Friede ist, der nur aus ewigen Offenbarungen, ewigen Gesetzen und ewigen Bindungen kommen kann. Und scheint uns das Fest zu streng, sein Ton zu ehern, sein Joch zu schiver, so kommt es uns zuletzt im süßen Schmucke des Erntekranzes, wie Ruth, der Ähren" reizende Sammlerin, und sagt uns, daß diese böse, harte, elende Welt doch auch immer wieder die liebe, schöne Gotteswelt bleibt, die deiner uns nehmen, und keiner uns schöner oder garstiger machen kann als sie ist, die für fich selbst die lieblichste Offenbarung, für sich selbst das heiterste Gesetz" und für sich selbst der fröhliche Bund aller wahrhaft Guten und Edlen ist, weil sic uns mit ihrem Sonnenschein, ihrem Waldrauschen und ihren -ewigen Sternen zur Nacht immer wieder die Freude bringt, des Juden bestes Teil nach dem alten Worte: .Du sollst dick freuen vor dem Ewigen, deinem Gotte!" Der Ueddt') »on Kewirow. " .Eine chassrdische Geschichte von Jub a l. Groß ist.die Liebe, die das Glück tragen hilft, pflegte .der Rebbe, der heilige Mann von Nemirow zu sagen, größer die Liebe, die das Leid tragen Hilst, die aber dem andern die Sünde tragen Hilst, das ist die größte, denn das ist die wahrhaft tragende Liebe. Diese Lehre hat der heilige Rebbe — sein Andenken sei uns zum Segen — nicht nur im Worte, sondern auch mehr als einmal dstrch die Tat verkündet, und wie es einst im Hause des Reb Jizchok Ga das*) geschah,"dM will ichchier erzählen. Als Mb Jizchok, Dem Gabaj von Nemirow, sein einziges Töchterlein Ssösche gestorben war, gebärdete sich seine Frau Riwke wie wahnsinnig. Sie warf sich auf die Erde» raufte sich die Haare und ballte die Fäuste zum Himmel. Vergebens, daß ihr Mann ihr unter Schluchzen zurrdete, vergebens, daß die Frauen der Frauenchewre auf sie einsprüchen. sie wollte,und wollte sich nicht trösten lassen. -»*- u Rebbe ist der Titel, den die oftjüdische Sekte der Chassidim ihrem Rabbi gibt, den/» fast wie eineit Heiligen verehrt. 3s Baba, ist der Titel de» Gemeindevorsteher». Ja. selbst der Rebbe. der heiliae Mann, vermochte nichts über das Gemüt, der Frau. Das kam zum Teil daher, daß, während Reb Jizchok selbst zu den echten, gotterge^nen Chassidim gehörte« feine Frau eine „MaskeleS". eine Aufgellärte, war, die sich in die heilige Mist der Frommen durchaus nicht finden konnte und sich und andere ihr Lebtag mit Zweifeln quälte, ihrem Manne zum Gram und manch anderem zum beständigen Argemis. Jehen Tag in den sieben Trauertagen kam nun der Rebbe in das Hgüs von Reb Jizchok Gabaj, um dort Mittjan zu machen und nach altem Väterbrauch den „Schiur"') zu lernen. Das heißt, ex lernte gar nicht .richtig, der Rebbe. Sein ganzes Lernen bestand eigentlich nur in einem täglichen, sonderbaren Zwiegespräch mit der gebeugten Frau, die fick in immer neuen Anklagen gegen Gott auflehnte. „Euer Gott", schrie das Weib, „euer Gott hat mir uisin Kind gestohlen! Er soll es Herausgebers, wenn er ein richtiger Gott ist. oder ich fluche ihm, ich schwöre ihm ab. ich—" „Du sündigst, Riwke!" sagte der Rebbe sanft. „Und wenn ich hundertmal sündige, ich bleibe dabei: Das ist kein Gott, der so was tut! Das ist ein 'Unhold, ein Nachtgeist, ein Teufel!" > „Riwke, du lästerst den heiligen Namen, deine Sünde ist schwer!" wiederholte der Rebbe und blickte sie an, und in seinem dunklen Auge lag eine geradezu zärtliche Trauer, Dann aber wandte er sich zu den Leuten im Zimmer, die init zitternder Sorge auf ihren Rebben blickten, daß er so lästernde Wort anhören mußte: „Juden", sagte er, „wir müssen dieser Frau helfen, ihre Sünde zu tragen!" - „Rebbe", rief das Weib, „was soll mir die Narrheit? Gebt mir mein Kind wieder, oder schweigt und laßt mir meine Sünde!" „Riwke, gib uns einen Teil von deiner Sünde ab, so wirst du uns einen Teil deiner Schmerzen gegeben haben. Wir wollen sie büßen, als wäre es unsere Sünde, wir wollen beten, inbrünstig beten miteinander, wollen uns mit unfern Seelen vor das Tor des Hinimels stellen, daß dein« Sünde nicht durchbreche zum x allerhöchsten Throne, wir wollen dir tragen helfen, Riwke!" „Rebbe", schrie sic, „kein Mensch kann des andern Sünde tragen und nicht ich, sondern ihr lästert Gott, indem ihr Wind im Muyde führt und Worte, Worte, die nicht trösten können! Mein Kind, mein Kind will ich wiederhaben!7 ^_ 17 Dieses Gespräch wiederholte sich fast mit denselben Worten Tag um Tag. Wenn aber der Rebbe am Ende seiner Worte war und man die Gebete gesprochen hatte, dann verlangte der Rebbe jedesmal, daß inan ihn allein lasse. Dann gingen alle hinaus und als letzte die Frau in triuinphierender Verbitterung: „Mein Leid will er tragen, und meine Sünde, he, und ineine Sünde!" Und dabei rannen ihr die Tränen'unaufhörlich. -Dann-Aieb der^ Rebbe allein-und, tvas er in der verschlossenen Stube tat. wußte niemand. Aber jeder fühlte, daß in dieser Stunde der heilige Mann seine Sache mit dem Himnicl hatte. Trat er über nach Verlauf einer Stunde aus' dem Raum, so stand ihm der heilige Schweiß auf der Stirne und mancher glaubte sogar Strahlen um ihn zu sehen, wie es einst bei Moscheh rabbenu der Fall gewesen sein soll, wenn er aus dem Heiligtum trat. Die sieben Tage der Trauer waren vergangen und als letzter hatte der Rebbe. nachdem er wieder eine Zeitlang eingeschlossen war. das Zimmser des Reb Jizchok Gabaj verlassest. Da stürzte eine Stunde später Riwke in die Kammer ihres Mannes. „Mann!" rief sie. Mann!" Erschrocken drehte sich Reb Jizchok nach ihr um: ,,Un»- Gotteswillen, Riwke-!" 3> Schiur ist das vorgeschriebene Stück. Talmund oder Midrasch. mit dessen Vortrag jeder häusliche Trauergottesdienst schließt.