Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 12 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 463 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437825--520-3776906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Europäismus., 463: t ' \" ' '. t einer tatlosen Progression und i$t erfüllt von Zwiespältigkeit Für ihn gibt" es gar feeine Unbedingtheit, keinen, Glauben, keine. Intuition. Und dies aber sind die drei iegrifFskonstituierenden Faktoren; der Tat. Än ihre Stelle tritt im Bewußtsein des europäischen Menschen die V£r~ kettüng, das Wissen und^ die Arbeit. Das sind die .drei Faktoren «des. Handelns;. ~, Die Verkettung: Bedeutet die Aufhebung des Individuums, des Wertes, der Tat, des Einzelnen <durch die die Gemeinschaft erst geschaffen wird) und die Homogenisierung der zufällig an einem Ort daseienden Gesell^ schaft, die apriöristische Abnahme ihrer Zugehörigkeit und Verbundenheit i<nd dadurch eine gewisse Rationalisierung der Arbeit des Einzelnen, die er nunmehr für die anderen Menschen leistet Während es in der wahren Gemeinschaft so ist, daß die zusammenlebende Masse zur Gemeinschaft wird erst durch die Tat des Einzelnen um der Idee oder um des Gottes willen.. Ergo ergibt sich, daß die europäische Gesellschaft keinen Anspruch hat auf den heiligen Namen der Gemeinschaft, daß "sie nichts Jst als eine rudis indigestaque moles, die lediglich durch die Mechanisierung und Arbeitsteilung "(den Industrialismus> 'zusammengehalten wird. So steht jeder Mensch in solcher Struktur allein und einsam da. Hieraus <das furchtbare Elend der inneren Unruhe, die ihren Ausdruck findet in dem Großstadtgetriebe. Denn es ist klar, daß ein Mensch, der nur in Gernei schaft mit anderen, vielleicht nur mit einem anderen, seine Ordnung finden kann^ in jäher Dissonanz da sein muß, ohne in der Einsamkeit je leben zu können. Und das ist über^ haüpt^das ganze Rätsel des Buropäismus: Er hat kein Leben. Was das 'ist, vermag das Wort nicht mehr zu sagen. Und doch weiß ein_-jeder, daß1 es ist. Vielleicht ist c^s am besten erfaßt ift den Zügen des Buddha, in . denen Ordnung, Ruhe und Vollendung uns entgegenleuchtet. Aber das Streßen des europäischen Menschen geht nicht zur Vollendung, sondern zum Glück. Und weil er alleinstehend ist, so wird das Schandliche diese:s Budämonismus noch erhöht durch den Egoismus, wobei man allerdings bemerken sollte, daß auch, der europäische Begriff des Al~ truismus eudämoflistisdi ist und damit verwerflich. Hieraus wieder resultiert der Kapitalismus. Als Überwindung des* Kapitalismus tritt der Sozialismus heilte seinen Siegeslauf an. Es ist klar, was gegen ihn zu sagen ist; Er vermag das eine nicht zu ändern, nicht zu schaffen,- lieber das eine was not tut: das Leben. Was nützt uns gerechte Wirtschaftsordnung, gerechter Staat, wenn wir kein gerechtes Leben haben? Und darum geht es. Ein gerechtes Leben aber folgt nicht aus einer gerechten Wirtschaftsordnung, sondern diese vielmehr aus jenem. Das aber ist jene Verkettung von der ich spreche. Daß der europäische Mensch sich von seiner »Kultur« nicht lossagen* kann, - daß er über und über »kultiviert« ist, daß seine Wirt^ schaft, d. h. die Summe seiner Bedürfnisse ihn so sehr gefangen hat, daß er nur für sie lebt, um sie zu befriedigen. Vergleichen-wir das Wissen hierzu: Die Naturwissenschaft hat ihren Hauptwert nidit in der Erkenntnis^ sondern in der Verwertung. Es ist kein Zufall, daß sie heute :so dominierend im Zentrum des europäischen