Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 12 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 438 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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438 Frida Schiff: Anschein als Deckmantel für die Absicht der bürgerlichen Gesellschaft, sich in ihrer jungen. Generation einen ihrem Klasseninteresse getreuen Menschentypus zu erziehen* So erweist Sich die Schule als Förderin von Klassenprivilegien, dje zugleich mit Bildung, Prüfungen und Zeugnissen wirtschaftliche und soziale Privilegien verbinden will, so erweist sie sich als Förderin von Klassenvorurteilen, indem sie Unkenntnis der .währen historisdien, politischen und sozialen Tatsachen und eitle schiefe Auffassung der Ereignisse züchtet, so bildet sie den. Menschen ohne Wahrhaftigkeit, Strenge des Denkens und Konsequenz des Händeins heran, indem sie die Schüler anhält, den dargebrachten Stoff möglichst Unproblematisch und autoritätsgläubig hinzunehmen. Nicht auf die Wahrheit soll es dem Schüler ankommen, sondern darauf, sich durch recht getreue gedankenlose Wieder* holung des Lehrers dessen Anerkennung* zu sichern. Nicht' besser sieht es mit dem anderen Erziehungsfaktor ätis, der auf den bürgerlichen jungen Menschen einwirken*soll. Ebensowenig wie die Schule zur Ertüchtigung für sinnvolles Wirken, zur Erkenntnis des gegenwärtigen Standes der Kultur oder gar zum Dienst am Geiste fuhrt,. ebensowenig kann die Familie ein sinnvolles Gemeinschaftsleben bieten, das er* möglicht, zugleich sich selbst und sein Ttin ernst zu nehmen und einem Ganzen helfend anzugehören.. Zwär läßt sich einwenden, im Mittelpunkt der Familieninteressen stünde tatsächlich der Mensch, wie ich dies ja früher* als * Inhalt der Erziehung formuliert habe, aber die bürgerliche Familie, ihrem Wesen nach wirtsdiaftliche und erotische Gemeinschaft erwachsener Personen, kann nicht zum Ziele haben die Gestaltung des Menschen wie er sein soll, sondern nur die Erhaltung des Menschen wie er ist. .'. .., . Ja, in Wahrheit ist die heutige Familie nicht einmäl dazu imstande. Sie hat zwar als solche die Tendenz, den ihr gemäßen Menschentypus in alle Ewigkeit fortzuzüchten, aber sie führt sich in dieser Bestrebung selbst ad absurdum." Denn die bürgerlidie Familie, eine Institution, der kapitälisti* sehen Gesellsdiafr, erstrebt einerseits einen liberalen Mensdientypus, d.h. einert, der für die Anarchie der Privatwirtschaft mit den Instinkten des Egoismus oder der Unternehmungslust ausgerüstet ist. Anderseits aber bedarf sie selbst zu ihrer Aufrechterhaltung und Fortpflanzung wie eben jede Gemeinschaft der sozialen, nicht egozentrischen Instinkte ihrer Nachkommenschaft. Dieser Dualismus von sozialer Skrüpellosigkelt und fast' überspannter Fürsorge um Menschenleben für die Familienmitglieder anderseits hat sich auch tat* sächlich gut entwickelt und zahlreiche Individuen verkörpern ihn:, und tragen ihn in aller Unschuld gefühlvoll z;ur $chau als könnte es gar^ nicht anders sein. Jedoch»als Auswirkung jenes Kapitalismus, der alle menschlichen Zustände und Beziehungen von Grund auf umwälzt, kann dieser Dua* lismus sich nicht halten. Seine eine Komponente treibt die Gesellschaft zu der immer stärkeren Kollektivierung aller wirtschaftlichen Produktion und Konsumtion,* die andere Komponente aber zielt ab aufeiaen Zustand der individuellen Abgeschlossenheit tind Ungestörtheit einerseits und einer nicht allzuweit gehenden Arbeitsteilung," die immerhin der Familie noch einen Wirkungskreis beläßt. ' — So wirken jetje beiden dem Kapitalismus entspringenden Tendenzen