Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 421 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437823--473-3776860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus den. Briefeneiner Blau~Wei6cn> 421' r ( ' X ' ' * die »Cjott« suchen und da erinnere ich midi, daß eine von euch schon an der Zeit hielt, auf daß uns ein Ketzer erstünde. Ich meine er lebt, es leben ihre* viele, nur werden sie rechtzeitig *v wie gewöhnlich — feuerfest " gemacht. Denkt nur an Friedrich Adler! Manchmal empfinde ich es als ein Unglück, nicht ein Mann zu sein. Ich habe dann den Glauben, daß ich alles umgestalten mußte für die Menschen und und Reiche. Aber dies ist. ein breites und altes Thema und ich müßte weinen, wenn ich tief hineinkäme. , . ~ ' y A Ich bin> heute; so matt, aber da reagierr nur mein Körper auf die schwüle Witterung. Ich meine es muß etwas mystisches darin liegen, das uns so von der- Witterung abhängig, macht. Dann "denke ich immer, daß das an das. organisch, verschiedene-Pflanzenreich erinnert., GeltA du hast manchmal so »sentimentale Anwandlungen« und bist sonst nicht so. O ja, ich verstehe es! Ich weiß{ auch in einem ganz gesunden Gemüt, das frei von allem Sentimentalen ist, gibt es Stunden, wo fremde und^ doch weiche Saiten klingen. Entweder ist dies eine unbestimmte Sehn* sucht, oder ein Sichsehnen nach einer verwandten Seele, oder aber ist es das unbewußte Bekämpfen dnes inneren Naturtriebes^. . . ,, . Nim möchte ich noch einmal äuf die »christliche ivioral« zu sprechen Kommen. Was du hier meinst, scheint ganz richtig zu sein! Denn wirklich hat die" »christliche Moral« Einmal die Menschen gebändigt. Es ist mit den Renschen so, ^ie mit den jungen Tigern, die in einem Käfig aufwachsen. Zuerst ist den Tigern, den kleinen, der Käfig groß genug, wenn die Tiere aber wachsen, wird der , Käfig immer enger und enger, bis er schließlich ganz drückend wird. , Die christliche Moral war für das ^Mittelalter. Und passt auf/immer nach einer Verwilderung der Mensdiheit traten1 die Prediger auf, die sie lehrten. Deshalb war sie nach dem 30jährigen Kriege nötig und öfters noch. Aber die Menschheit reift und immer mehrere und mehrere empfanden dieses Leben für das Jenseits als Ammenmärchen oder als Fessel. Ich betrachte es als Fessel und . doch Nieder sehe ich Giftes darin. Denn für gewisse Lfe;ute , Ist sie immer noch nötig und ein, freier Mensch hat sie nie gebraucht! *...}. Und eben aus " meinem Anarchismus heraus verurteile ich nicht den Liebeswandel des einen odei^ des anderen. Wenn Heine oder Goethe ein halbes Jähr ein Mädchen geliebt hat und sie dann, wenn er sie nicht mehr liebte> ließ, so "finde ich. darin immer nur etwas Sittliches. D&nn was ist moralischer; mit jemandem zusammenleben, nein, neben jemanden zu leben, der uns nichts mehr ist, oder einfach sich, von ihm zu trennen? Und auch wenn das Wort gegeben ist und das Interesse für den einst geliebten Menschen hört aiif, \ so ist ein einmaliges unmoralisches Handeln, indem man das Wort bricht, moralischer, als eine lange Kckte von unsittlichen Täuschungen* Dann ist dies vollkommen individuell. Wenn Heine viele Liebchen hätte, .datin war es ihm nötig und. sollte man, wenn wir schon den;Kult des Individuums pflegen; auch hier nicht so" vorurteilsvoll sein. Doch manchmal