Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 416 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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416 Aus den. Briefen einer BlauiWeißeh. Aus den Briefen einer Blaü^Weißen. Die Fahrt liegt nun hinter mir und doch erlebe Mi sie immer und immer/ wieder.. Ich will dir nicht die Tour beschreiben, die äußeren Punkte nur ganz flüchtig angeben. Von Budweis nach Sälnaur von da zum Plöckensteinsee hinauf auf den Plöckenslein zürn Stifterdeiikmal. Hier wunderbares Erleben des Waldes von pberi. Und dann weiter durch harzigen heiligen*Wald bis zum Dreisessel. Hier lustige Rast und eine ziemlich unangenehme Nacht infolge der großen Kalte. Früh um halb fünf Uhr Sonnenaufgang beobachtet und das große Wundej der Sonne, <ier immer wiederkehrenden, warmen Sonne erlebt, das Wunder, das Kraft gibt zum Wollen und Streben. Dann Abstieg, Wanderung nach Kusdiwarda, hier Nacht, dann nach Schattawa und nun mein Erleben des Böhmefwaldes^ v Ganz an der bayrischen Grenze liegt ein hölzerne^ Bauernhaus, vom Walde umsäumt und* da fragte ich an, ob ich hier wohnen könnte. -Und ich bliebe schlief mit den Bauern in einer Stube am Böden, aß mit ihnen aus einer Schüssel und verrichtete ihre Arbeit. Ich werde dir von den Bauend die hier mitten in der Natur leben, vieles erzählen. Der Bauer war bereits 48 Jahre, mit treuen,, blauen Augen, ein wenig schwerfällig. Aber das Leben, das die Menschen. hiec führen,, das hat mir so vieles gezeigt. Er hat keinen Sinn fjur ein anderes Weib, als für die auserwählte Lebens* gefährtin ,• überhaupt scheint bei den Bauern das sexuelle Le&en, das dem durchschnittlichen Großstädter an erster Reihe steht, hier irgendwie ganz anders zu sein- Es ist in ihnen wohl der Trieb, aber er ist gesund, stark und macht sie nicht zu seinen Sklaven. Ich denke, sie selbst sind Infolge der wunderbar stärken Natur und weil sie eben immerfort mitten darin stehen, mitten im weiten Reiche Gottes, sind sie stark und innerlich ausge* glichen. Ja, dieser innere wunderbare Ausgleich. < Nun, und als ich so nach schwerer Feldarbeit im Walde lag und über mir das Rauschen, das mächtige Lied des Waldes zog, ich aber mich nicht zu rühren wagte, um die Ganzheit hier nicht zu stören, da wußte ich vom Sinne des Lebens plötzlich so viel, es lag ja klar vor mir. Der Baum steht da, so fest, so selbstverständlich und strebt nach oben. Unbeweglich strebt er nach oben, mit all seinem Leben und Erleben strebt er. der Sonne, dem Lichte zu. Das Gras steht so selbstverständlich da, mit dem gleichen Streben. Dort im Böhmerwäld kam es einmal-über mich, wie ein großes Wünschen, ein Baum zu sein, nichts als ein Baum und so stehen und so stehen und stieben zu können. Und da lag ich im Moose* einen halben 0Cag und wagte mich nicht zu rühren und wenn durch die Bäume das Rauschen ging, dann zitterte ick. am ganzen Körper und da wüßte" ich es, daß auch ich rauschte. Und an diesem einen Nächmittage war ich ein Stück Natur. ' Und die Kämpfe gegen den inneren Feind waren nicht da und sie kamen nicht während der ganzen Zeit, denn ich ^ar ntir ein Wesen, nur eih »Ich« und dieses eine »Ich« war ein Teil der ganzen\ »Einheit«" in der, Natur. ~ - . Und warum ich niemandem schrieb? Nicht deshalb, wie ich scherzweise