Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 411 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wie ist unser Verhältnis zu unseren Eltern jetzt tatsächlich? 411 Nicht von den Eltern dürfen wir fordern, ich glaube, daß die Eltern in der ganzen breiten Allgemeinheit schon viel zu alt im Denken, zu gleichgültig im Tun sind, als daß ihnen hier; noch ein besonderer Vorwurf gemacht werden dürfte. Doch die Jugend, die da steht mit -ganzer ungebrochener Kraft, müßte sich zu einem gewaltigen Kampf finden gegen das banal gleichgültige Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, sie müßte die Kraft finden^ sich vor allem von dem so ungeheuer unheilvollen Einfluß, den das jetzig bestehende Elfernhaus auf alles Werdende, wahr sein Wollende und ehrlich und anständig Ringende ausübt, zu befreien. Es kann sein, daß ich z% wenig Kenntnis von dem Einzelnen habe, doch ich glaube, daß die Jugendbewegung gerade in diesem Verhältnis im allgemeinen sehr wenig geändert hat. Wir können - wahrlich nicht sagen, daß es uns an Führern gefehlt "hätte, uns wachzurütteln und den Weg zu /weisen. Schön allein.* die Worte, die Dr. Bernfeld hier sagte, daß Auflehnung der Jugend heiligstes Recht sei, hätten wie eine unendlich große Befreiung von ^dem Druck sein müssen, der so lange auf uns ausgeübt wurde und wären es auch sieher für viele, und doch steht eine Masse da, unbeweglich, gleichgültig. Aber Dr. Bernfeld sagte auch weiter, eine Jugend, die Jkeine Auflehnung kenne, sei keine Jugend, und ich glaube, es ist wirklich so, daß vieles in uns nicht jung ist. * c Könnte sonst so vieles sein, das jetzt besteht? * Könnte es sein, daß eine so große Zahl von jungen Menschen, ver^ haltnismäßig die größte Zahl, so wenig um ihre geistige Jugendkraft weiß, daß sie ein Verhältnis, das vollkommen einer würdigen geistigen Grundlage entbehrt, bestehen läßt? Es sind viele' junge Menschen, die ganz gleichgültig irgendwie mit ihren Eltern auskommen, gedankenlos finden, daß Eltern manchmal eine recht unbequeme Sache sind, aber daß das niefit gar so arg ist und daß man im ganzen nun einmal nichts tun kann. Es sind aber auch solche, die sagen, es wäre ihre vornehmste Pflicht im Sinne der Eltern zii handeln. Daß solche junge Menschen anständig und klar im Denken sind, ist unmöglich. Oder sie sind von vornherein nicht jung-. Denn: Die Eltern stellen -beinahe in allen Fällen dar, das Alte, Bequeme, an irgendeiner Tradition Festhaltende. Sie halten an dieser Tradition fest, ganz gleich an welcher, weil sie keine Stütze finden in sich selbst, in eigener geistiger Kraft und doch fühlen, daß sie etwas gegen den doch immer ein wenig aufrührerischen Sinn der Jugend brauchen. Selbst" die Eltern, die ehrlich gekämpft haben, ja gerade -diese, müßten von ihren Kindern geradezu fordern, daß sie gegen sie kämpfen. Denn, wenn der Sinn der Welt in einer immer höheren Entwicklung besteht, so muß immer wieder und immer von Treuem die alte Form - mit Macht zerbrochen werden und eine neue, dem neuen Geist errichtet werden. Wir sollen in uns wahrhaft die Worte Nietzsches erleben, daß Kinder über ihre Elterfi weinen müßten.