Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 399 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437823--451-3776838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Über das jüdtsdie Berufsproblem/ 399 Dem, der ein starkes Jugendleben hat ünd am Leben einer Anzahl von Jugendlichen Anteil nimmt, muß es immer von neuemmir Staunen ünd Bestürzung erfüllen* in welch unerhört bagatellisierender Art die Berufsvorbereitung und dfe Berufswaht des Jugendlichen behandelt wird. Es ist ihm unbegreiflich, d'aß der Staat, der den Riesenbau des iSchulwerks aufführt, regelmäßig; an seiner Spitze leeren Raum läßt und keine ernsthaften Anstalten trifft, um die Kluft zwischen Schule und Leben zu .überbrücken,- daß die Schule selbst, die in letzter Zeit ein so großes Bestreben zeigt, d$s Leben der Jugeild und nicht nur ihrfcn Unterricht zu umfassen, dieser entscheidenen Frage bloß so viel einräumt, daß sie vor Abgang der Schüler, deren Berufswahl registriert, um nach durchgeführten statistischen Erhebungen zu erkennen, daß kaum ein Drittel der Schüler die angegebenen Berufe wirklich ergreift,- daß "also die Berufs Vorbereitung und Berufswahl*- dem Gutdünken und der Erkenntnis der Eltern und sonstigen innerhalb der Familie maßgeblichen Personen überlassen ist, daß 'hier die Parallele zu der ersten großen Unterlassungssünde vorliegt, die die Gesamtheit in unbegreiflicher Überschätzung .der Fähigkeiten der Familie begeht, nämfich der Erziehung. und daß diese zweite die schädlichen Folgen der erste» verdoppelt. Wir haben aber diese Tatsache als gegeben zu betrachten und müssen uns, ohne auf die Motive, die die Gesamtheit zu diesem Vorgehen veranlassen, näher einzugehen, darauf beschränkenden Verlauf der Berufsvorbereitung und Berufswahl innerhalb der Ijamilie zu betrachten- <Es ist klar, daß er in innigstem Zu^ sammenhangf mit der Familienerziehung überhaupt steht, der Leser dieser Zeitschrift wird aber eine genügend kläre Vorstellung von deren Wesen haben und auf eine breite Darstellung hier verzichten können,) Dem individuellen Eingriff am meisten entzogen ist die Berufsvorbereitüng in der allgemeinen Volksschule, deren Besuch Pflicht ist. Und schon hier tritt die Sonderstellung des Judentums hervor, schon auf dieser ersten Stufe ist seine Läge ungünstiger'als die aller anderen Kulturvölker. Denn während im Osten der Vplksschulbesudi eine den Massen des jüdischen Volkes fremde Erscheinung ist und bei der uberwiegenden^Mehrheit durch den Besuch des; »Cheder« abgelöst wird, wächst im-»Westen, mit dem zunehmenden Reichtum, das Bestreben der jüdischen Eltern,-ihre Kinder der 'Berührung mit Angehörigen anderer sozialer Schichten zu entziehen und sie isoliert von besonders gelehrten will heißen besonders unpädagogischen und einseitigen ^Lehrkräften unterweisen zu lassen. Auf der Mittelstufe ist die Zahl der möglichen Varianten weitaus größer, hier wird zumeist, für den Ver« lauf der nächsten Jahre zumindest, oft aber auch für Lebensdauer, Schid^sal lind Tätigkeit des Kindes bestimmt. Und hier setzt also auch schon die ganze Unüberlegtheit, Verständnj^losigkeit für die Kinderpsyche, Veranengung von* unklaren wirtschaftlichen Anschauugen mit unklaren Anschauungen "über den Sinn des Lebens ein, durch welche die Berufsbestimmung durch die Familie charakterisiert ist. Und auch hier werden die Schwierigkeiten für das Judentum noch verschärft. Der jüdischen Familie als der Angehörigen einer oder bestenfalls zweier Berufsklassen, verwurzelt-in der Anschauung, daß produktive Berufe für Juden ein Unding