Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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394 Marie Popper: daß sie auf einen Menschen stößt, den sie wirklich dauernd lieben kann, so gäbe es für sie keine Schranken und Fesseln mehr, sie.wäre enU .wicklungsfähig für das Höchste und Beste, Wo sife aiber nicht mit dem Gefühl^ sondern nur mit dem Verstand erfassen kann, wird sie sidi selten öder beinahe nie' wirklich befreie*?. So oft hängen sich diese Mädchen in ihren ersten Schwärmereien an einfache, schlichte Menschen und wollen selber puritanisch einfach sein. Hier geraten sie in gereiztesten Widerspruch mit ihrer Umgebung. Wenn sie in einsamen Spaziergängen in der Natur Ruhe erlangen wollen uncL Klarheit; wird die Familie sie für verrückt erklären, wenn sie sich ehrlidi mühen, sich wirklich innerlich zu bilden und trachten> ihre Zeit dazu zu verwenden, so werden sie für egoistisch, für maßlos egoistisch där^ gestellt werden. Und so» paradox und unmöglich es eigentlich erscheint,, das Beste wird dem Mädchen sölange~~in das Sqhlechteste verkehrt werden, bis sie tatsächlich daran glaubt. Und wenn sie in wirken-, "hoff- " nungslosem Zustand, grenzenlos alleinstehend, aufschreit durch die Einsamkeit und Qual, so wird sie damit erreichen; daß die langsam besorgt gewordene Faniilie Ärzte zu Rate zieht, die durch Generationen unter- ■ drückte Sehnsucht nach freier Luft und erdenhafter Wirklichkeit mit Arsen- und Syruppräparaten heilen wollen. Und als Mittel gegen die Einsamkeit wird man ihr Tanzstunden und alle möglichen Unterhaltungen bieten, die gut gemeint, aber etwas verderblich in den Wirkungen sind. Langsam jedoch und allmählich werden die aufstrebenden IjCräfte immer mehr verbogen und zerbrochen. Theoretisch werden, die meisten Familien däs Ideal des Mädchens bejahen, praktisch werden sie dem ~ Mädchen unmöglich machen, es zu erreichen, indem sie es in ihm selber lächerlich machen. Versuche, nadi eigenem Willen zu leben, werden meist gemacht, selten führen sie zu einem Resultat. Das Ergreifen eines Berufes, Studium, Leben mit Jugendvereinigungfen sind oft Mittel zur Befreiung, an; die sich die ringende Seele verzweifelt klanimert. Doch, wo innerlich nichts Festes ist, können sie wenig helfen. Sobald die Mädchen wieder*- nach Hause kommen, werden sie fühlen, daß es nicht eigene Kraft war, die sie er* füllte. Die zeitweilige Befreiung geschah nur dadurch, daß sie getragen wurden durch* die Gj:öße eines fremden - Geistes, die Intensität eines fremden Willens. Und da greift das Milieu mit viel' zu großer Stärke - ein. Die kurze Zeit, in der sie ihren Ideen folgten, kann nicht äusröchen, den Geist zu befreien und zu bilden. In ihrer Umgebung sehen sie immer und immer wieder nur Schein, hören sie immer, daß-alles nur auf .Ge* ^wohnliches ankommt. Und auf einem bitter traurigen Weg gelangten sie langsam in die Knechtschaft des gewöhnlichen Lebens. So viele rächen sich für die verlören "gegangenen höheren Glücksmoglidi- < keiten, indem sie mit einer sieh selbst verwundenden Ironie über alles spotten, was ihnen auf kurze^eit glühende Sehnsüdht war. JJnd' wie voll Höhn über den eigenen Idealismus überbieten sie ihr Milieu 'noch an Gewöhnlichkeit, an Verlogenheit, an Ausleben der Instinkte.. Verachtung gegen sich selbst, Haß gegen die Umgebung, die sie zu dem machte, was