Mannheim
Compact Memory

Jerubbaal · 1919-01-01 · 10-11 (Jänner Februar 1919) · p. Seite 390

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
10-11 (Jänner Februar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 390 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3776398-6437699-6437823--442-3776829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

390 Felix Witsch: Wille und Tat. Lehre mit dem »Sprung« bezeichnen möchte, nämlich'•:. N i ch t in nor* ma 1 er .Entwicklung, nicht in natürlichem Werden^ nicht in ruhig* gesundem Wachstum entsteht der geistige Wille aus dem Lebenstrieb/ aber er entsteht auch nichlT vater*- und mutterlos, nicht durch Geburt aüs dem Nichts,- sondern: Eben wie der Funke, der dem elektrisch geladenen Stoff entspringt, nicht normale Fortbildung der Materie ist und doch auch ohne diese, nicht entstehen kann, so ist auch der Geist als freie Willens* tat von bloßer Vitalität unterschieden und kommt doch von ihr her. Aber, nicht der träge Stoff.gebiert ihn, sondern" der gespannte,-- nicht das leere' Sein, sondern das bis an den Rand gefüllte. So bleibt uns denn, solange wir bloß in der Vitalität oder gar in der Mechanik befangen sind, nur die Möglichkeit, die Materie zu lcä d en. r Nichts anderes bedeutet alles Bereiten und Beraten, Eriziehen und Organisieren. Aus der gelade* nen Materie, kann erst der Funke .springen. ' - Damit ist für die »Unbegnadeten« die--Aufgabe gestellt. Und die Antwort gegeben für alle jene, welche aus dem richtigen GefühLder Un* wollbarkeit der Tat-lind der Unmadhbarkeit des Funkens, auf die Geist* feindlichkeit oder mindestens die Ohnmacht aller Erziehung ujpid Orga*_ nisation <— falsch — schließen. * - Es ist richtig: Die Entscheidung läßt sich nicht einfach * »wollen«, sie bricht hervofv Man kann richtig sagen: Wer eine Tat bloß will, der tut sie nicht. Und doch —- bleibt uns etwas anderes übrig, als tun zu. wollen? Hier" liegt offenbar ein Doppelsinn des »Wollelis« vor. Es gibt ein umwälzendes, volles .und unterirdisches Wollen und einoberflächliches, seicht*rationales Wollen. Das umwälzende ist das Wollen . aus dem Ganzen, aus geeinter Kraft, aus der zum Geiste verwandelten Natur,- ich nenne es hier das große öder tiefe Wollen. Hier gibt es keiner! Zwang und keinen Kunstgriff mehr,- mit voller Kraft bricht^Her Wille aus der Tiefe hervor, reißt die Natur mit sich, und wird' ganze Tat. Hier gibt es keine Spannung zwischen* Willen und Tat. Wjer so will, tut schon. - * - Entsteht zwischen Wille und Tat ein leerer Raum, so ist es* nicht -mehr jenes geeinte/ große W ollen, sondern Stück *Wollen, oberflächliches, »kleines« Wollen. .Man will tun, tut aber nicht. Eigentlich^will; man nur tun wollen. Und so schieben sich gespensterhaft immer neue Wollens* Lagen zwisdien Wille und Tat. So entfernt* das flache Wölleir vom wahren Tun. Die Einheit ist nicht da, sie wird >nür« gewollt. Sie soll erobert und kann doch nicht erzwungen werden. Zwischen Wille und Tat gähnt ein unüberbrückbarer Abgrund. Das Wunder des geeinten Wollens läßt sich durch flaches Wollen nicht direkt erzielen. Darin liegt der richtige Kern 'der Gnadenmethapher, jenes Moment, dessen Vernach^ lässigen Max Scheler die »Wollens*Tuns*Gewalt*0berschät:zung« nennt. Was bleibt nun dem übrig, der »tief« wollen möchte und nur »flach« will? Die Antwort ist einfach genug: tief zu wollen. Das kann nämlich* jeder selbst, hier gibt es keine Hilfe, nicht von außen und nicht von oben — und darum nannte ich die Gnade hier eine bloße Metapher.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.