Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 10-11 (Jänner Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437823--422-3776809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
370 Isachar Reiß; einem Schomer zu eigen sein ^müssen, zu erwerben uiid im alltäglichen Leben unsere ethischen Ideale zu realisieren. Und so zusammenlebend näherten wir, uns allmählich dem Meie. Lange, lange noch zog der Weg vor uns, doch ein ordentliches Stück dieses Weges läg bereits hinter uns. Und die Begeisterung war da und an gutem Willen fehlte es nicht. Und als die Trauben des Weines zu reifen begannen und die Wipfel der Bäume blutig -zu blühen, da schien es uns, als^hätten wir schon lange, lange so zusammengelebt/ ganze Jahre zumindest. Denn schöner waren diese Monate unci inhaltsreicher als ganze Jahre unseres vergangenen Lebens. Mit einer goldenen Kette schmiedeten die gemeinsamen Erlebnisse unsere Herzen aneinander. Und. wennauch die Zeit die Kette zerreißt die uns bindet, wenn auch unsere Wege im Leben auseinandergehen werden, ein Einziges wird! groß und heilig verbleiben/ das Gefühl^ das während dieser Zeit als unsere Herzen, heiß wären, uns ünzertrennbar mit unserem Volke einte. ~ -" * ~~ f . IV. s H e rb s t, W i n t er. »Schmetterlinge müssen zu sterben wissen, solange die Sonne scheint.« Es schien uns als ob unsere Sonne unterginge. So schon schien sie uns t>is" jetzt, so sehr blendete sie uns mit ihrem Glanz, daß als sie nur leichte Wolken verhüllten und ihren Glanz ein wenig dämpften ufid das Über* maß des Lichtes verminderten da schien es uns, daß sie untergehe. »Jeder Frühling vergeht und alleJ Blumen blühen. Wozu also warten , bis verwelken wird die Blüme> bis sie gelb wird?" . . . Ist es nicht richtiger, die erblühte Rose zu brechen? Unsere Zeit ist vorbei und am schwersten ist es doch, rechtzeitig fortzugehen und mit einem Schnitte die. Bände zu lösen. Scheiden wir Brüder!« Solcherlei Gedanken durchquerten das Hirn sp mancher. »Soll ein Band, jiicht reißen, .muß man erst dräuf beißen.« Geduld Brüder. Es welken, verwelken die Blumen, doch die stechenden Tannen sind imitier grün. Eine Beuerpröbe madhen wir düfefc Sind aus" Stroh die Bande, die uns binden, dann werden. sie aufgehen im Feuer, und jeder wird seines Weges gehen. Dann werden uns die 'Monate, die wir zusammen verlebt haben, wie ein schöner Träum erscheinen, wie eine Seifenblase, die in Regenbogenfarbenglänzt, in der Sonne funkelt und schließlich platzt. Ist aber aus. Eisen die Kette, dannwird Sie zu Stahl werden. Geduld, Brüder^ Geduld! Neu wird die Sonne aufgehen^ die Wolken zerstieben. . Wenn sich zwei Menschen am Lebenswege zusammentreffen: und. mit bangendem Herzen einander die Hand reichen, um weiter zu gehen i \ . Wenn zwei Menschen, die bis jetzt einsam waren unter Vielen und Fremden, sich auf dem Wege des Lebens kennen: lernen und ernennen, daß sie von nun ab schweigend aneinander nicht vorübergehen dürfen,, ist ihr Weg anfangs wie mit Blumen Jbestreut,. die einen starken und. be# täubenden Duft ausströmen* Aber bald verwelken die Blumen und es zeigt sich, ob nur auf äußeren Glanz ,und persönlichen Zauber ihfe Üe* Ziehungen sich stützen oder ob ihre Fundamente tiefere waren.