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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 353

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 353 (sequence 71)
Language
German
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Rundschau. 353 der Tierwelt auszeichnet. Diese Auf* fassung ist meiner Meinung nach die Stelle, an der Blüher überwunden werden muß/ richtig und unbedingt festzuhalten ist, daß ein über das zur bloßen Fortpflanzung und Arterhaltung nötige Maß gesteigert tes Triebleben heute mit Kultur eng ver* bunden ist. Daß da aber eine bestimmte Grenze gezogen ist, deren Überschreitung die gesteigerten Triebe kulturwidrig macht, ist bei Bl. nicht deutlich genug oder über* haupt nicht gesagt. Damit beginnt aber erst das eigentlicheFruchtbar werden seiner Gedanken für die Menschen, auf die es ihm wie uns ankommt. Auf die wirtschaftlichen Verquickungen des Problems weist sehr gut hin ein kürz* (ich erschienenes Buch, das sehr zu empfeh* len ist: Dr. Th. Christen, »Die mensch* liehe Fortpflanzung« <2. Aufl. E. Rein* hart, München). Hier sind nicht nur die Verbindungslinien zwischen der Entar* tung unseres Geschlechtslebens und den wirtschaftlichen Zuständen dieser Zeit sehr klar aufgezeigt, sondern auch Wege zur Losung und Besserung gewiesen. Allerdings nur Wege der. gesellschaftlichen, sozialgesetzlich anzugreifenden Lösung, nicht Angaben, wie wir selber, die Einzelnen, uns hier schon halten können. Diese letzte Frage aber ist es ja, die uns vor allem bewegt: was sollen wir selber tun? Die wirtschaftliche Seite möchte ich kurz abtun. Es geht nicht an, daß man sie als schlechthin gegeben ansieht, wie es H. Hinzelmann in seiner sonst sehr empfeh* lenswerten kleinen Schrift: Zur Sexual* ethik des gebildeten jungen Mannes <Bonn, F. Cohen Verlag, 1.Z5 M> tut. Er schreibt einfach: »Der gebildete junge Mann, der Höchstzielen nachstrebt, wird also für absehbare Zeit damit zu rechnen haben, daß er vor Ende der zwanziger bis.Mitte der dreißiger Jahre nicht wird heiraten können. Es ist in seinem eigenen Interesse . . . und in dem seines Berufes wünschenswert, daß er sich von vornher* ein dieser harten Forderung klar wird.« Das gilt für uns theoretisch auch, aber nicht mehr praktisch. Denn neben der Möglichkeit, in mannigfacher Form teil* zunehmen an den Arbeiten sozialer An* derung, wie Christen es darlegt, körinen die uns selbst in den Weg tretenden Hin* dernisse wirtschaftlicher Art <die prak* tische Unmöglichkeit, eine Ehe einzu* gehen, wo wir es selbst als wünschenswert empfinden) durch gegenseitige Hilfe, kurz gesagt, durch die Gemeinschaft als künf* tige Lebensform überwunden werden. Ganz abgesehen von der psychischen und kulturellen Hinfälligkeit den Familie <siehe dazu Blüher, Rolle d. Erotik, Bd. II) ist sie einfach schon als wirtschaftliche Lebens* form denkbar unpraktisch. Daß zwei Men* sehen sich zu einer geschlossenen Wirt* schaftsgruppe zusammentun, für die ein eigener ganzer Hausbetrieb, eigene Küche, eigene Dienstboten usw. nötig werden, ist heutzutage einfache Verschwendung. Die Unmöglichkeit, eine Ehe in dieser überlieferten Form zu schließen, darf für uns wirklich nicht mehr zum Anlaß werden, sie überhaupt nicht zu schließen. Auf der anderen Seite müssen wir eine doppelte Stellung einnehmen. Zu* nächst müssen wir uns klar machen, daß bei unserer Erziehung in den allermeisten Fällen von einer eigentlichen Geschlechts* erziehung keine Rede gewesen ist. Und wenn doch, so handelt es sich besten* falls um eine »Aufklärung« und »sitt* liehe Festigung«, nicht aber um das, was allein der Stärke unseres Trieblebens das rechte Maß hätte geben und damit die falschen Hemmungen hätte ver* meiden lassen können: eine regelrechte Körpererziehung. Für uns selber haben wir also mit einem Geschlechtsleben zu rechnen, das schon bis zu einem gewissen Grade an der Wurzel »verpfuscht« ist und erst durch lange Arbeit wieder ins rechte Geleise gebracht werden kann. Das muß klar geschaut werden/ was das für unsere eigenen Handlungen be* deutet, habe ich in den drei Briefen »Körperseele« zu zeigen versucht. Darüber hinaus aber erwächst uns die Pflicht, unsere Erfahrungen und Erkennt* nisse auszubauen, zu einer Sexualpäda* gogik, Geschlechtserziehung, auf der Grundlage einer Körperlehre. Und zwar

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