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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 352

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 352 (sequence 70)
Language
German
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352 Rundschau. Gegensatz zu jenen Schreibern, die in ihrer Jugend <wie es bei der vorigen Generation und den zurückgebliebenen Jungen heute noch fast zum guten Ton gehörte) zu Prostituierten gegangen sind, bis sie in einer »Ehe« einen einfacheren Weg für ihre Befriedigung fanden, im Gegensatz zu ihnen ist bei uns die Prostitution als Ausweg überwunden und ebenso <wenigstens in vielen Fällen schon) die Ehe im Sinne Luthers als »Mittel gegen Unkeuschheit«, als Ge* legenheit zu hemmungsloser Triebaus* Wirkung. Aber: trotz dieser höheren gedank* liehen und auch meist schon tatsächlichen sittlichen Einstellung bleibt ein Unge* löstes, ein Problem, eine Frage. Sie ist jetzt jedoch klarer als sie früher war, die größere Aufrichtigkeit gegen das eigene Leben läßt die Wurzeln des Übels deutlicher erscheinen. Zwei sind es vor allem, die uns da immer wieder sich aufdrängen, zwei Dinge, die uns hindern, den Weg so zu gehen,- wie wir ihn sehen. Das eine ist, die wirtschaftliche Be* Sonderheit unserer Zeit: die hat den Begriff »Geschlechtsleben vor der Ehe« recht eigentlich geschaffen,- denn sie ver* hindert es unter anderem, daß eine Ehe da geschlossen wird, wo die reine Vor* bedingung, die starke Liebe zweier Menschen, da ist,- der junge Mensch ist heute wirtschaftlich erst ganz spät in der Lage, eine Familie zu gründen. Das andere ist die Stärke unseres Trieblebens. Auch sie hat Teil an der Bildung des Begriffes »Geschlechtsleben vor der Ehe«. Denn wir erfahren, wie unser Körper, unsere Sexualität nicht mehr nur auf die Fortpflanzung allein eingestellt ist, daß das Gebiet seelischer und geistiger Steigerung des Einzelnen auch mit einbezogen ist: schon früh sehen wir uns in Liebesbeziehungen zu Men* sehen versetzt, mit denen wir eine »Ehe« nicht eingehen könnten, weil wir die nur vorübergehende Bedeutung dieser Be* zieKung empfinden. Und das Entstehen solcher Verhältnisse, di(e ihrem ganzen Wesen nach auf die höchste körperliche Erfüllung gerichtet sind, ohne die Be* rechtigung zu der die Nachkommenschaft sichernden Dauerverbindung Ehe in sich zu tragen, verhindert kein noch so guter Wille — im Gegenteil, unser »guter Wille« erfährt hier fast immer eine Be^ richtigung, die Belehrung, daß er irgend* wie staubig, veraltet, leblos ist: wir empfinden, daß auch unsere eigenen besten Ideale <von denen der allgemeinen Moral ganz zu schweigen) mit den Tat* Sachen und Wirklichkeiten unseres Lebens <Körpers) unmöglich zur Deckung bringen sind. Diese beiden Tatsachen sind bisher übersehen oder als gewissermaßen gott* gewollt hingenommen worden. Erst in letzter Zeit sind sie wenigstens in ihrer Tatsächlichkeit ans Licht geholt und da* mit ins Bewußtsein des Einzelnen ge* hoben worden. Ein besonderes Verdienst hat hier Blüher, der von der Untersu* chung der Richtung des Triebes auf das gleiche Geschlecht <Bd. 3 der »Geschichte des Wandervogel«) ausgehend, außer in gelegentlichen kleineren Aufsätzen vor allem im ersten Bande seines neuen Werkes »Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft« <E. Diederichs Verlag) Entgültiges über die Bedeutung der Sexualität im heutigen Leben sagt. Schon diese Durchleuchtung eines bis* her immer verschwiegenen Gedankenge* bietes wirkt auf den Leser außerordent* lieh befreiend und hilft ihm die Lügen und Ideologien abwerfen, mit denen er fast immer die Tatsachen vor sich selbst verbirgt. Aber Blüher machte vor der Stärke der Sexualität bei uns Halt <eben* so wie sein großer Meister Freund*, der Schöpfer der »Psychoanalyse«), ja ihm erscheint sie sogar als kulturnot* wendig, als das, was das Menschenge* schlecht unserer Zeit vor anderen und vor * Ein besonderer Hinweis auf die Bedeutung der Psychoanalyse für unsere Betrachtung der ganzen Frage mußte aus Raummangel zurückgestellt werden. Eine ganz kurze, gute allgemein verständliche Einführung gibt der dritte Brief in Lu Andreas-Salome, Briefe an einen Knaben. (Kurt Wolff, Leipzig, M i.8o.>

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