Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 347 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437761--394-3776782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Selbstanzeige. 347 meine Einstellung dafür zu geben, wie die einzelnen konkreten großen und kleinen Fragen des jüdischen Jugendlebens gelöst werden sollten und könnten. In erster Linie kommt es dabei darauf an, sich Jiritisch einzustellen gegenüber allem, was heute in Erziehungsdingen gesagt und getan wird, bei uns wie bei den anderen. Vielleicht werden meine Leser finden, daß ich dabei übertrieben habe, ich bin mir dessen nicht bewußt, aber es kann sein. Dann bitte ich zu bedenken, daß keine Übertreibung stark genug sein kann gegenüber so fest eingewurzeltem, so in der Seele und in der Wirtschaft begründetem Aburteil, wie nun das ist, was man heute europäische Erziehung nennt. Dem gegenüber gilt es, festzustellen, was Jugend ist, oder besser, was sie sein sollte, weil sie allein es könnte. Nur die Wissenschaft von der Jugend kann hier die rechte Beraterin sein. Ich habe mich daher bemüht, die Ergebnisse der Wissenschaft in einer Weise darzustellen, die einem Aufrufe anstünde. Und wenn dieses Kapitel von der Jugend in seinem Stil und Aufbau auch weit genug entfernt ist von der Art, wie mit Recht in wissenschaftlichen Büchern dieselben Ergebnisse behandelt werden, so bin ich mir doch nicht bewußt, auch nur in einem Worte von der wissenschaftlichen Wahrheit abgewichen zu sein. Dann hieß es, die Frage der jüdischen Erziehung unter dem Aspekt der Frage der jüdischen Kultur, der Kultur überhaupt und ihres Zusammenhanges mit dem Volke und seinen Führern zu betrachten und dann erst konnte es gewagt "werden, das Konkrete darzustellen. Ich habe aus vielen Gründen mich entschlossen, dies nicht in Form einer Abhandlung und nicht in Form eines Aufrufes zu tun, sondern als Erzählung, als Utopie, als Phantasie: das jüdischeErziehungswesen, wie ich es mir vorstelle, wie ich meine, daß es sein sollte, wenn die Tatsache der Eigenart der Jugend, wenn die Idee einer wahren Kultur die wirkliche Grundlage der Erziehung wären. Dieses Kapitel erscheint mir als das Wichtigste, nicht weil ich meine, daß die Zukunft der jüdischen Erziehung genau so sein wird wie ich es darstelle bis in die kleinsten Details, obzwar ich wirklich glaube, daß vieles gerade so verwirklicht werden wird, weil es nur so verwirklicht werden kann,- nicht darum scheint mir dies Kapitel das Wichtigste, weil es eine Art Plan für die Zukunft darstellt, sondern deshalb, weil es nötig ist, sich einmal aus den Banden des Bestehenden zu entwinden und einmal ein wirklich Neues sich intensiv bis in die Einzelheiten hinein vorzustellen, um endlich geistige Freiheit gegenüber dem Bestehenden zu erlangen. In diesem Sinne wünsche ich, daß dieses Kapitel gelesen werde und in diesem Sinne hoffe ich, wird es fruchtbar werden. Zuletzt ist es die Frage der Gesellschaft, die ich freilich nur ganz kurz in meinem Buche streife, die Frage nach dem Zusammenhang eines be^ stimmten freien, der Jugend gemäßen und zu wahrer Kultur fuhrenden Erziehungswesens mit der wirtschaftlichen Ordnung eines Staates. Nur wenige Worte sind dieser Frage gewidmet, daher sei mir gestattet, in dieser Selbstanzeige umso eindringlicher festzustellen, daß alles, was wir denken, alles, was wir planen und hoffen, nichtige Luftgespinnste sind, so lange wir nicht die Frage in allem Ernste stellen und mit aller Vorsicht beantworten, unter welchen realen wirtschaftlichen Bedingungen allein das