Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 345 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wie wir im »JerubbaaU schreiben sollen. 845 •Jeder Einzelne soll von sich verlangen, sein Geistesprodukt so lange in sich auszutragen, als es zur Reife braucht. Alle Frühgeburt eines Werkes ist beschämend für den Schöpfer, der es nicht im Stillen weiter nähren konnte. Letzten Endes spürt jeder Mensch, der ein Werk hingibt: Das ist im Hinblick auf meinen jetzigen Standpunkt das Klarste, was ich geben kann. Weiter kann ich es in diesem Augenblick nicht bringen. Ich müßte erst wieder mich selbst überwinden, wenn ich das klarer sagen wollte. Aus Werken, deren Schöpfung von solchem Bewußtsein begleitet wird, leuchtet die Kraft einer sich selbst erfüllenden Persönlichkeit, die Richtung hat, indem sie ihr Werk hingibt. Aus lauter solchen Einzelmenschen, die Richtung haben, wenn sie schreiben, wird der Stil einer Jugendzeitschrift. Alles halbe Schreiben, das an sich selbst nidit mehr glaubt, wenn der Buchstabe schon trocken geworden ist, muß verschwinden. Ich darf nur das niederschreiben, wofür ich im Augenblid* ganz einzustehen bereit bin. Sind nun solche Gedankengänge schwer, so liegt die Schwierigkeit an der Schwere der Sache, an der Tiefe des Problems und nicht am Un^ verstand des Schreibenden. Wir können dann von der Jugend verlangen, daß sie lese und verstehen lerne, auch wenn es schwer ist. Dazu fehlt freilich noch so vieles. Wie viele Menschen wollen denn überhaupt etwas Schweres, sich freuen an dem Bewußtsein, daß sie sich selbst überwinden, wenn sie ins Unbekannte schreiten. Umgekehrt.' Wie viele Denker, die schweres Leid trugen ob ihrer Gedanken, wollen es denen, die nach ihnen kommen, wirklich leichter machen? Will einer dies wirklich, so gibt es für uns moderne Menschen, meines Erachtens, zwei Wege, von denen mir der erste fürs Judentum gangbarer erscheint. Die motorischen Menschen sind uns und anderen Menschen am klarsten, wenn sie in Bewegung sind. Ein solcher kann das, was er sprechen, schreiben wird, nie vorher zu Ende denken, bringt es aber formvollendet zur Wiedergabe, während er es spricht, schreibt. Für solche Menschen erachte ich die Form des Sichselbstbelehrens für die zweckmäßigste. Der Motoriker, der sich den Stoff so gliedert, wie er sich selber die Tatsachen am besten beibringt, lehrhaft in höchstem Sinne, der schreibt am klarsten für die Mitmenschen. Ähnlich wie der motorische Mensch am besten dann Lehrer wird, wenn er es im Augenblick des Lehrens erst selbst begreift. Der zweite Weg, für uns Juden, sicher seltener, aber durchaus nicht unmöglich, geht im Gedankenaufbau nach einem fertigen Gerüst vor, dessen Bauplan vom Geiste in sicheren Stunden langsam anwachsenden Erkennens geschaffen wurde. Beiden Wegen ist die unbedingte Redlichkeit zu eigen, mit der der Schöpferische verlangt, daß das Werk der Ausdruck seiner selbst und nur seiner selbst sein dürfe. Auf jedem Weg der Reinheit und Unbedingtheit wird ein ganzer