Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 344 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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344 Rudolf Glanz: Wie wir im »Jerubbaal« schreiben sollen. Der Stil ist die Physiognomie des Geistes. <Schopenhauer.> Mitarbeitern und Lesern unserer Zeitschrift steht eine gemeinsame Probe bevor. Es geht,darum, daß Arbeiten und Dokumente im »Jerubbaal« nicht nur inhaltlich uns aus Problemen Wege weisen, sondern daß auch das rein Formale jeder Darbietung ein Schöpferisches der jüdischen Jugend verkörpere. Das Äußere der Zeitschrift ist sehr gut getroffen und durchaus von großer Wichtigkeit. Nur Menschen, die das geschriebene Wort nicht achten, mögen glauben, daß Format, Drucktypen und alles, was daranhängt, ohne Einfluß auf die innere Bedeutung einer Zeitschrift sind. Ein junger Mensch schreibt auch anders, besser, klarer, wenn das Druckwerk, das seine Gedanken zugänglich macht, ihn dazu ermuntert. Zu jenem rein technisch Äußeren der Zeitschrift tritt ihre innere Physiognomie, der Stil. Wer für schöpferische Sprachentwicklunjj ein feines Organ besitzt, wird aus der Sprache eines Werkes berechtigt schließen können, was es an Gedankeninhalten etwa den Menschen geben kann. Unsere Zeitschrift vollends soll dazu dienen, den Lebensstil der jüdi* sehen Jugend mitzuschaffen und zu befruchten. Der Stil einer jeden Arbeit im »Jerubbaal« ist ein Baustein im Lebensstil der jüdischen Jugend. Unfruchtbarkeiten, die sich im Zusammenleben der jüdischen Jugend nicht schöpferisch gestalten lassen, dürfen sich nicht in das Äußere einer »Jerubbaal«- arbeit flüchten. Wir gelangen so zu einer Sterilität, die uns verhindert, aus dem Abstrakten herauszukommen und das Leben zu finden. Endlich: Der »Jerubbaal« ist ja für die gesamte Jugend, er muß auch denen geben können, die zur selbständigen Bildungsarbeit noch nicht imstande sind. Nun sehe ich aber die Schwierigkeiten in folgendem: Jeder Leser, der die Schwierigkeit eines neuen Gedankenganges noch nicht abzuschätzen vermag, ist geneigt, die Schreibart »schwer« zu finden und sich von daher eine Erleichterung zu erwarten. Oft mit großem Unrecht. Es gibt eben leichte und schwere Gedankenwege. Das Neue ist noch dazu an und für sich schwer. Alle Differenzierung unserer Sprach* und Hörorgane hat die wachsende Schwierigkeit der modernen Sprache nicht ausgleichen können. Ich gestehe ruhig, daß ich ein jedes Werk unserer Zeit technisch erst nach Wiederholung beherrsche, sei es nach nochmaligem Lesen, Hören usw. Wir dürfen aber die neuen Wege nicht scheuen, auch wenn sie schwer sind. Nicht einmal das Genie kann immer leicht und klar sein. Solche Anforderungen eines behäbig sein wollenden Geistes sind in einem Zeit* alter des beständig gebärenden Weltgeistes hinfällig. Es handelt sich uns nun darum: Gibt es Anforderungen, die wir, im Sinne des werdenden Lebensstiles der jüdischen Jugend, an alle stellen können, die im »Jerubbaal« schreiben oder nicht? Ich sage ja, und bin bereit, zu zeigen, was ich meine. Ich bin überzeugt, daß wir im Glauben an unsere Jugend nur Ethisches von den Einzelnen zu fordern ^brauchen.