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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 343

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 343 (sequence 61)
Language
German
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Aus einem Brief. 343 der Schule erwacht das Bewußtsein allmählich, das Kind entdeckt, daß es Jude ist aber nicht Jude zu sein hat. Wenn es getauft ist wird der Gegensatz noch schroffer. Zu Hause sieht es fortwährendes Hinstreben nach arischer Art, seine kindlichen Ungezogenheiten werden als »jüdische Faxen« aufgestellt, jüdisch ist, was gewöhnlich, unfein, niedrig ist. Das Kind muß oder wird für gewöhnlich anfangen Juden zu hassen, es wird sein »Jüdischsein« als quälend, er^ niedrigend, ja selbst als nicht des Lebens wert empfinden. Es wird weiter seine Umgebung verachten, weil das Juden sind. Wenn es katholisch^religiös ist, wird es in der Kirche auch keine Ruhe mehr finden, die Leute könnten ja sehen, daß es Jude ist und ihm den Eintritt verwehren. Es verliert überall seinen Schwerpunkt, wird haltlos, zerquält, ist schon längst nicht mehr kindlich unberührt, sondern innerlich zersetzt vom ewigen »Jud und Christ«. Die Zeit der Reife tritt ein, der reifende Geist fordert Entscheidung. Der Jude sieht in sich und findet eine immerwährende bittere Verachtung gegen alles jüdische, eine Sehnsucht nach der Einfachheit und Ruhe des arischen. Er sieht sich ganz allein stehen, abgetrennt von seiner Umge^ bung, da er sie verachtet, allein in der arischen Gesellschaft, da er immer sein Jüdischsein fühlt. Er sucht Gemeinschaft. Er kommt in jüdisch getaufte und jüdische Gesellschaft. Er sieht Unwahrheit, Protzerei, alles egoistische, die ganze Widerlichkeit unserer sogenannten besseren Gesellschaft. Je einfacher oder nach besserem suchender er ist, desto eher wird ihn die arische Gesellschaft anziehen. Er kennt ja nichts jüdisches, von jeder Vereinigung, die auf ihn wirken könnte, wird er geflissentlich fern gehalten. Er will entscheiden, anständig entscheiden, aber die von Kindheit einge^ pflanzte Verachtung hemmt jeden freien Gedanken. —' Ich weiß nicht wie hier die Lösung im allgemeinen liegt, ich möchte nur sagen, wie sich diese Fragen in mir gelöst haben. Ich las einmal Dostojewsky's »Brüder Karamasoff«. Es gibt wohl kaum ein Buch, ift dem die christlichen Ideen so heilig und rein be~ griffen sind als in diesem, wie es kaum ein Volk geben dürfte, das Christus so unendlich liebt als das russische. Ich sah Christus vor mir und plötzlich wurde mir klar: das ist ein Jude. Seine Gedanken sind jüdische, sein Blut ist das meines Volkes. Und da wußte ich das erste Mal von jüdischem Volk. Ich las dann die Bibel und wie ich die Worte langsam durchlebte, ging mir eine Ahnung auf von der Größe des Volkes. Und ich empfand, i ai b i n und will eins sein mit diesem Volk und werde suchen es zu erkennen und in ihm und mit ihm zu leben. Marie Popper.

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