Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 342 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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342 Marie Popper: Weg mit den Freunden, den Kameraden. Und da werden wir auch mit ihnen die Form finden. Lieber Reinlichkeit und Wahrheit auf die zweifei* hafte Gefahr hin, daß die Norm weniger jüdisch ist, mehr von irgend einer angeblichen Norm abweicht, noch nicht so vollendet ist, als etwas, das uns nicht mit jeder Faser zu eigen ist, das unklar oder unwahrer Lyrismus ist. Vertrauen ist uns not, zu der uns innewohnenden jüdischen Urkraft. Zu der Kraft unserer Anlage, die alles irgendwie ins Jüdische sublimiert, die selbst von dem poliertesten Assimilanten nicht ganz abgestreift werden kann. Es stimmt, was Antisemiten sagen, wir hätten deutsche Kultur verjudet zu unnationaler Zivilisation. Daß das Wort »verjuden« als Nebensinn »verkrüppeln und verschlechtern« hat, ist weniger Schuld der Juden als Juden, als des ganzen ihnen unorganischen Lebenskomplexes, der sie umgibt,- ist Schuld der Divergenz des von ihnen zu lebenden Inhaltes einerseits, und ihrer Gestaltungsmöglichkeit andererseits. Was also tun, daß aus dem schlechten Nebensinn des Wortes etwas Positives wird? Die Erbe*Anlage, den Urquell des Jüdischen, vertiefen, nicht durch Reflexion, nicht allein durch eine ausschließlich intellektuelle Aufnahme jüdischer Inhalte, sondern durch ein Zurückfinden zu jüdischen Quellen, die das Jüdische in uns stark werden lassen. Dann wird das Jüdische nicht zu einer unvermeidbaren Nebenerscheinung, zur treibenden Unharmonie, in unserem Leben werden, sondern zur umsenaffenden Macht, zu schöpferischer Kraft. Curt Nelken. Aus einem Brief. Geehrter Herr Doktor! Im folgenden versuchte ich zu beschreiben, wie es mir und ich glaube auch vielen andern mit ihrem Judentum gegangen ist. Es ist vieles meinem Tagebuch entnommen . . . Ich wollte über die Sache schreiben, weil ich glaube, daß sie viele angeht. Ich habe versucht kurz das Wesentliche in der Lage des jungen getauften Juden wiederzugeben. Neulich wurde Freitag im Sprechsaal im Jugendheim so viel über die Wege jedes Einzelnen zum Zionismus gesprochen und mir fiel damals so stark wieder alle Bitterkeit dieses Weges, den ich in einer katholischen Erziehung hatte, ein. Und ich glaube, daß es sehr vielen so gehen muß. — Ich möchte hier eine Einstellung zum Judentum zeigen, wie sie viel* leicht viele junge Juden haben und die ihnen ihre erste Jugend vergiftet und ihnen quälende und zermürbende Kämpfe auferlegt. Ich will von den jungen Juden sprechen, die getauft sind oder in einer jüdischen Gesellschaft leben, die der getauften ungefähr gleichkommt. Das Kind nimmt gleichmütig antisemitische Bemerkungen seiner Eltern oder seiner Umgebung auf, sie werden ihm, da sie sich oft wiederholen, unbewußt ein Teil seiner naiven Gesinnung, Juden, das sind etwas minder* wertige Geschöpfe, etwas verächtliches, etwas das nichts rechtes ist. In