Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 333 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Deflorierung der Jugend, 333 Wille muß aus ihr kommen, nicht ihr vorgesetzt werden. Organisation der Innerlichkeit ist Unsinn, ihr entringt sich jene Schamlosigkeit des Zurschaustellens aller Gefühlchen, jener gewalttätige Exhibitionismus, der mit Zionismus nichts zu tun haben darf, weil eben die zionistische Be* wegung mit keiner Bewegung der Welt vergleichbar ist. Diese Erkenntnis aber fehlt diesen, die wollen, daß wir ein Volk werden, wie alle Völker . . . Wohl ist organisierte Hingabe Religion <Renan, glaub7 ich, sagt so), doch nicht jede Hingabe ist Religion, nicht die, Hingabe an die breite Öffentlichkeit, das organisierte oichwegwerfen, das Proklamieren der Schmerzchen, jenes Eingeständnis der eigenen Unsicherheit, die sich unter dem Deckmantel der Organisation Komplizen sucht, um die Verantwortung von sich abwälzen. Mehr Verantwortlichkeitsgefühl, meine Herren! Könnt ihr es veranfc* worten, daß auf euer Konto jener Geist zu buchen ist, der letzthin in Berlin offenbar wurde? Könnt ihr es verantworten, daß sie von »ihrer Not« winseln, ja selbst aus ihrer Tugend eine Not machen, ehe sie sich überhaupt nach ihrer wahren Not bewußt werden oder sie auch nur erahnen und verzweifeln, da ihre Qual nur eine literarische Geste ist für Jugendzeitschriften? <Dies für jenen jugendlichen Darsteller, der mir letzthin einige Aphorismen nachwarf. Einem Angriff, der trotz seiner Oberflächlichkeit recht persönlich gemeint war, in diesen Tagen, die wohl anderes erfordern, mehr Worte entgegenzusetzen, scheint mir unnötig.) Es muß Schluß gemacht werden! Die Verantwortlichkeit jedes Ein^ zelnen wächst stündlich. Es ist Zeit, sich zu entscheiden. Entweder weiterschreiten in der alten Bahn und verkommen, um schließlich im Hafen der Bürgerlichkeit befriedigt auf das noch im Erinnern angenehm prickelnde Abenteuer der vertanen Jugend zurückblicken oder jung bleiben, ohne Kompromisse und in den Anfang aller Taten setzen die Devise: Ich bin ein junger Jude und will kein alter Politiker werden! Die Jugend ist am Scheidewege. Drüben locken blaue Küsten. Greift nach ihnen und gebt euch dem Lande ohne Vorbehalt und im Bewußtsein des Kampfes, der kommen wird gegen das sich eben verknöchernde Bürgertum. Euch wird das Land aufnehmen mit allen seinen Wundern und wird in eure Hände sein Geschick legen. Seid bewußt eurer Ver^ antwortlichkeit, ihr, die ihr eure Taten nicht aus der Überlegung des Bürgers, nicht aus dem Instinkt des Degenerierten, sondern aus dem Gefühl des jungen asiatischen (innerlichen, unbedingten und natürliehen) Juden setzt. Blickt nicht zurück nach dem Europa, das ihr verlaßt, sammelt eure ganze, wunderbare, große Liebe auf dieses unser Land und — das sei euer oberstes Gesetz! seid keine Kaufleute! Ihr aber/die ihr nicht nach Palästina geht, seid getrost! Sorgt euch nicht um eure Nachfahren hier im Lande, denn das Schicksal der jüdi^ sehen Jugend Europas wird nach der Liquidation dieser Tage nicht mehr in Europa, sondern in Palästina bestimmt werden. Wohl werden rege Wechselbeziehungen zwischen palästinensischem und europäischem Juden** tum aufrecht bleiben, doch Erez Jisrael wird bald der bestimmende Teil sein und wenn auch die Jugend vielleicht Irrtümer in die neue Heimat 24