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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 331

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 331 (sequence 49)
Language
German
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Eugen H o e f I \ c h: Die Deflorierung der Jugend. 331 Menschen mit jener Art praktischer Ratschläge abzuspeisen, die bei uns schon eine stehende Redensart geworden sind. Aber noch ärger ists, sie mit schönen Worten darüber wegtäuschen zu wollen, daß man ihnen nichts anderes zu geben hat. Darum können wir heute noch wenig mehr tun, als dies': der Jugend nicht einzureden versuchen, daß man ihren An^ Forderungen und berechtigten Wünschen nicht besser entsprechen kann, als indem man ihr mit »neuer Generation« verzuckerte und mundgerecht gemachte Adressen zu schreiben gibt,- sondern sie zu lehren, sich selbst und die Sache ernst zu nehmen, gerüstet zu sein für den Augenblick, da man sie ruft, bereit zu sein, zu tun, was getan werden muß, sei es groß oder klein : sie zu lehren, im überwältigend starken Verantwortungs^ geftihl ihrer Sendung — Adressen zu schreiben,- solange — aus welchen Gründen immer — die Möglichkeit nicht vorhanden ist, das Leben jetzt schon auf das Ganze und Große, auf die Erfüllung, einzustellen. »Und dazu sind wir die neue Generation?« — Ihr, die ihr die neue Generation sein wollt — werdet euch zuerst einmal klar über euch selbst, über euere Fähigkeiten und euer Wollen. Versucht nicht, das zu sein, was nicht in euch liegt, damit ihr nicht versäumt, was euere wirkliche Aufgabe ist. Entblößt das Leben mit seinen Forderungen von all den schönen, stolzen Worten, die so leicht gelernt und so rasch vergessen sind, die mit ihrem Klang das Bewußtsein betäuben, daß man die Tat getan zu haben glaubt, wenn man tönend davon zu sprechen imstande ist. Nichts verbirgt die Armut der Seele leichter und geschickter, als der undurchdringliche Schleier der großen Worte. Hütet euch vor der furchtbaren Gefahr der Schlagworte! Denn sonst kann es geschehen, daß die »jü~ dische Jugend«, die »neue Generation«, das »Obergangsgeschlecht« selbst nichts anderes und besseres wird, als ein neues Schlagwort. L. W. Die Deflorierung der Jugend. Ridiard Ginsberg freundfidicr Gruß! Endlich kam diese Zeit, die in ihrer Qual schier unerträglich war, zur Lösung. Lange aber, allzulange vielleicht, standen wir in ihr, ohne zur Erkenntnis ihrer Schrecklichkeit zu kommen, denn wir waren betriebsam, veranstalteten Tagungen, Versammlungen, gründeten Zeitschriften und sprachen auch dann und wann in den Kaffeehäusern von Zion. Nun aber, da die Frucht reif wurde zum Aufbrechen, siehe, da zeigte es sich, daß sie innerlich hohl war und nun kam grenzenloser Katzenjammer zutage. Einer schob dem andern die Schuld zu, und jetzt, da die Jugend deflo^ riert, ihrer ursprünglichen Unmittelbarkeit und Innerlichkeit entkleidet dasteht, wäscht jeder die Hände in Unschuld und sagt: »Haltet den Dieb!« Jeder schreit es, keiner aber fragt, wer der Jugend die Jugend gestohlen hat, wer sie politisch gemacht hat, wer ihr Zion zum Ver~ sammlungspolitikum erniedrigt hat.

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