Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 328 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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328 Alfred Kupferberg: »Selbstbesinnung«. der entscheidet, bevor er prüft, und statt das kennen zu lernen, was er nicht kennt, es lieber gleich verwirft, sich so die Mühe des Lernens ersparend«, aus unserer Stellung zu den überlieferten Werten. Mit dem Prüfen, mit dem Kennenlernen, mit dem Lernen allein wird man nicht jüdisch. Man wird nicht jüdisch, man erlöst das Volk nicht, wenn man Tag für Tag unendliche Reihen von Geschichtszahlen herunterleiert und Gebete sagt, die keine Resonanz im Innern der menschlichen Seele: finden, die ihren Sinn verloren haben. Man wird nicht jüdisch, — oder nein, wir, deren Kindheit ohne das beseelte Erleben der Tradition vor* übergegangen ist, wir werden nicht jüdisch, wenn wir Tag für Tag Talmud lernen und Tefillim legen. Denn Kultur will erlebt, nicht erlernt sein. Wir wenden uns nicht gegen die Werte der Traditon, — was wir verneinen, ist die mechanische Übertragung dieser Werte auf den jüdischen Menschen unserer Tage, ist die absolute Bewertung der Kultur* güter früherer Zeiten, die Wertung der Werte. Andere mögen mit dem Überlieferten organisch, natürlich zusammengewachsen sein: uns aber, denen diese Gefilde verschlossen blieben, off* net sich ein neuer jüdischer Geist. Wenn wir die Forderung der Hebraisierung leidenschaftlich bejahen was auf dem Jugendtage nicht deutlich zum Ausdruck gelangte — und wenn wir unter »Hebraisierung« nicht Hebräischmachen, tote Über* nähme mit dem Geiste der hebräischen Sprache verstehen, so wissen wir, daß diese Sprache gleichsam der Meißel ist, um die stoffliehe, sich der Zeit entsprechend stetig ändernde, fließende Masse der Eindrücke zu geklärten Kulturkomplexen umzubilden, der Impressionen, die jüdisch sind, da sie in das Innere eines bewußt jüdischen Menschen eingehen. Entscheidend ist uns die Überzeugung, daß der jüdische Mensch stärker ist als der jüdische Geist irgend einer Zeit, der einst — geboren aus dem großen Willen »jugendlicher« Traditionsleugner, das Bewußtsein des Volkes in lebensvoller Glanzzeit überströmte, der aber erstarrte, als die Epoche dahinschwand, in der er entstanden war. Sind wir deshalb »unbescheiden«, »unwahr«, »unjüdisch«, »anmaßend«? Brüsten wir uns in selbstgefälliger Sattheit? Auch wir wissen, daß wir eine Generation des Überganges sind. Übergroß wurde unsere Zerrissenheit und unsere Sehnsucht, unhaltbar unsere Lage. Auch wir sind uns bewußt, in der Wüste zu schreiten. Aber daß wir den Fleischtöpfen Ägyptens, dem Literatentum der Groß* Stadt, den Idealen Europas den Rücien gekehrt haben, daß wir schreiten^ macht uns stolz und hoffnungsstark. Deshalb verzichten wir auf Rat* Schläge und Rezepte und gütige Mitwirkung Außenstehender. Wir wollen uns nicht helfen lassen. Wir glauben, allein zum Ziele gelangen zu können. So ward auch uns der Jugendtag zur Enttäuschung: Weil wir einen erbitterten und gar nicht jugendlichen Kampf ausfechten mußten, einen. Streit, der unserer Seinsart gewiß nicht entsprach, weil Berufsredner mit Wellen wohlgeformter Dialektik unsere ungeschickt zum Ausdruck ge*