Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 327 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbstbesinnung«. 327 blematiker. Mit unendlicher Stärke empfindet und erleidet er die Zer^ rissenheit seiner Seele, die Zweiheit seines Wesens, den Dualismus seines Seins. Diese Anomalie des jüdischen Mensdiseins der Diaspora muß der Zionismus aufheben, will er in Wahrheit die Juden zur Normalität völkischen Deseins zurückfuhren. Jene erdenlose, unfruchtbare Geistigkeit, die nichts ist, als tief selsbtquälende und doch oberflächenhaft literatenmäßige Problematik muß der Zionismus überwinden, will er in Wahrheit das jüdische Volk erlösen. Macht also unsere Bewegung Menschen, denen sie durch die Stoßkraft ihrer inneren Geschlossenheit vielleicht Entscheidungen, »selbständige« Überlegung vorwegnimmt, »ungeistig«, d. h. unproblematisch, so trägt sie Steine zum Aufbau unserer völkischen Wiedergeburt hinzu. Der Wille dieser jungen Juden nach Palästina muß umso stärker werden, je unabweislicher sich ihnen die tiefe, unüberbrückbare Kluft zwischen dem eigenen, gesundenden Innenleben einerseits und dem gleichbleibend anor^ malen äußeren Verhältnissen andrerseits manifestiert. Und Zionismus, menschlich gesehen, heißt uns Rückkehr zum gesunden Innenleben, zu glückhaft erhöhtem Seinswillen, zur Natürlichkeit. Na^ türlich^Sein, Mensch^Sein, auf^der^Erde^Stehen, — das ist das A und O unserer Zionshoffnung. Jüdisch und menschlich in Wahrheit Erfüllte zu werden, in Volk und Zeit uns als zukunftsfroh-natürliche Glieder naturlicher Gemeinschaft zu stellen —* das ist unser ganzes großes Sehnen. Hier liegt der Maßstab für unsere Beurteilung der Kulturwerte. Tradition ist ein relativer Begriff. Dem einen ist sie sinnvoller Inhalt, dem andern wesenloser Schemen. Baut eine zwecksetzende Erziehung in der Seele des werdenden Menschen bewußt Liebe zu den Geistesgütern der Ahnen auf, so wird die zeitlose, gleichsam die interepochale innere Kontinuität der traditionellen Wertkomplexe hergestellt. Nur das Kind, dem gütige Vermittlung das Wesen der Dinge öffnet, erlebt nicht die Schale, sondern auch die Inhalte der überlieferten Masse, nur dieses Erleben aber überwindet die zeitliche Begrenzheit der Traditionsgüter und stellt sich wieder und wieder in neue Epochen hinein. Nur im Kindesalter verwächst die Überlieferung organisch mit dem Wesen des Menschen, mit seiner Zeit. Der Erwachsene aber, dem Erfahrungen und Eindrücke den offenen Blick der frühen Lebensjahre getrübt haben, findet nur selten und nur schwer den wahren und einzigen Weg zur Tradition, den Weg zu den Urquellen der überlieferten Werte. lind jede äußerliche Anerkennung der Kulturgüter, jedes sinnlose Anheften neuer Formen ist Selbstbelügung, Phrasentum, Unnatürlichkeit. Kultur nämlich ist lebendig fließendes und vorwärtsströmendes Ele^ ment, ist vielleicht vom Willen, nie jedenfalls vom Können abhängig, ist »ein Werdendes, kein Gemachtes«. <Daß Sie, Herr Goldmann, aus dieser Prämisse den diametral entgegengesetzten Schluß ziehen, übersteigt schlechterdings die Grenzen meines logischen Erkenntnisvermögens) Kultur will erlebt, nicht erlernt sein. Deshalb spricht nicht »die Bequemlichkeit des Nichtwartenwollenden,