Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 326 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Alfred Kupferberg: Vor allem fehlt uns, nach Ihrer Anschauung, die klare Erkenntnis der Lage. Unserem Willen, sei er nodi so stark und aufrichtig, zentral und elementar, unserem Willen geht »die innere Zielgewißheit, die Klarheit der Richtung, die Sicherheit des Weges« ab. »Er ist blind.« Ein glü* hendes Herz haben wir,- den klaren Kopf zu schaffen, »wird die zen* trale Aufgabe der nächsten Entwicklungsphase der nationaljüdischen Jugendbewegung sein.« Hierzu sagen wir: Es gibt nur einen Zionismus. Aber es gibt, dem wirtschaftlichen und dem kulturellen Moment dieses Zionismus gemäß, zwei zionistische Grundfragen, die — auch oder gerade von uns — klar erkannt und klar beantwortet sein wollen. Die erste dieser Fragen heißt: Hier ist das Land — dort ist das Volk. Wie schaffen wir das Volk in das Land, zu den günstigsten Bedingungen für das Land und für das Volk? Wir verzichten auf das Lebensgefühl abenteuernder Menschen. Wir sind wahrhaftig nicht »jugendlich und naiv« genug, um sofort, »unab* hängig von Wenn und Aber, von Kautelen und Bedingungen«, nach Palästina zu gehen, — »mit gesichertem Beruf drüben und ohne ge* sicherten Beruf.« Wir sehen wahrhaftig klar genug, um zu wissen, daß das Land, dem wir zu dienen haben, dem wir dienen wollen, heute nicht jede wahllose Masse mehr oder minder unproduktiver Elemente verdauen kann. Daß nicht nur der Mensch seinen Bedürfnissen entspre* chend die stofflichen Bedingungen eines gesteigerten Arbeitsmarktes schafft, sondern daß umgekehrt erst der erhöhte Wirtschaftsstand die Bevölkerungskapazität des Landes steigert. Daß endlich jeder, der etwa enttäuscht und unzufrieden Palästina verlassen und in die Länder des Galuth zurückwandern wird, hundert andere abschrecken muß. So stellt sich unserer klaren Überlegung, unserer Erkenntnis das We* sen unserer Lage und ihrer Forderungen dar. Jede Anschauung aber, die, nicht auf wirtschaftliche Voraussetzungen gegründet, die Volksmassen zu atembeklemmendem, ungeklärtem Lei* denschaftsrausch aufgestachelt, halten wir gerade in einer Zeit für dop* pelt verwerflich und gefährlich, in der die Leitung der zionistischen Or* ganisation sich veranlaßt sieht, öffentlich vor überstürzter Einwanderung zu warnen. Die andere Grundfrage des Zionismus, wie wir ihn auffassen, be* rührt die Vorwürfe, die Sie gegen unsere Einstellung etwa zu den Werten der Tradition erheben, und lautet ungefähr: Wie binden wir die verbogenen Pole unseres Menschentums und unseres Judentums zu einer Einheit? Wie werden wir zu «Menschen, die voll in ihrer Zeit stehen und voll in ihrem Volke stehen? Wie werden wir zu gesunden Gliedern eines gesunden Volkskörpers? Wenn Sie, Herr Goldmann, in der nationaljüdischen Jugendbewegung Deutschlands eine Tendenz zur Ungeistigkeit, »die fast erschreckend ist«, mit Entsetzen konstatieren, so muß gesagt werden, daß diese selbe Un* geistigkeit es ist, die wir, für unsere und des Volkes Wiedergeburt und Gesundung, innig ersehnen. Der jüdische Mensch des Galuth ist Pro*