Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 323 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Über Jugendbewegung im allgemeinen und den >Blau ~Weiß« im besonderen. 323 gegenseitig zu befruchten. In diesen Jugendgemeinschaften versudit die Jugend ein ihr gemäßes, unmittelbares Gemeinschaftsleben zu fuhren, das sie dem lebenertötenden Gesellschaftsleben der Erwachsenheit gegenüber hält. Diese Gemeinschaft sucht und kämpft nun ebenso, wie vorher der einzelne Jugendliche vor allem um den eigenen Sinn. Damit eine solche Gemeinschaft zustande kommt, damit sie aber insbesondere nicht eine stagnierende und verfallende Gesellschaft wird, sondern lebende, bewegte und bewegende Gemeinschaft, tut zweierlei not. Es muß ein negatives Programm geben und ein positives,- ein Kampfprogramm und ein Tat- Erogramm. Im Kampfe holt sich die Gemeinschaft Frische, Kraft, Selbstewußtsein und gegenseitigen Halt, die sie dann bei der Ausführung ihres positiven Programmes verwertet. Die Voraussetzung für ein gedeihliches Tatenprogramm ist aber das Zielbewußtsein. Die Jugend sucht, wie ich schon sagte, einen Sinn ihres Lebens. Es mangelt ihr an gelebter Erfahr rung, sie kann also aus sich selbst heraus, sich den Sinn nicht geben, sie kann sich also auch das Ziel ihrer »Bewegung« nicht selbst setzen. Sie greift daher zu Theorien. Die von Erwachsenen, die der Jugend in dem Bestreben, ganz anders zu sein, wesensverwandt sind, ausgedacht wurden. Doch die Theorie ist blaß und hält die Gemeinschaft, oder gar die Bewegung nicht lange beieinander. Aussprüche werden zu geistleeren Phrasen, Lehren zu Wortspielen, sobald die Theorie Programm wird. <Wir haben das mit Bubers Schriften zur Genüge erlebt.) Wirklich Ursprünge liches Leben und Bewegung kommt aber nur dann in die Jugendgemeinschaft, wenn sie dem Leben eines Meisters folgt der nicht mehr papierne Theorie, aber wirkliches Leben bietet. Das Verhälinis dieser Gemeinschaften zu ihrem Meister ist nun ein solches, daß dem Meister volles Vertrauen geschenkt wird, fast Unfehl^ barkeit zugemutet wird. Nach seinem Beispiel wird alles eingerichtet, nach seinem Leben gelebt. Ihm wird in den Kampf gefolgt, auf seinen Rat die Waffen gestreckt. Der Kernpunkt des Verhältnisses aber ist ganz unbedingtes Vertrauen. Erzählen läßt sich übrigens das Verhältnis nicht, es muß erlebt werden. Nur Beispiele könnte ich noch nennen: Der Zaddik der Chassidim, die Priester aller Glauben zur Zeit der Blüte des Glaubens, Messias, Propheten, Masaryk seinem tschechischen Volk in den Tagen seiner Ankunft. Diese Meister halten die ganze Bewegung/ aber auch die einzelnen Gemeinschaften brauchen Personen, um die sich das Leben kristallisiert, sonst kristallisiert sich eben überhaupt kein Leben. Und da gibt es Leute in der Jugend selbst, und solche die zwar an Jahren der Jugend schon entwachsen sind, sonst aber der Jugend wesensverwandt sind, welche irgendwie persönlich hervorragen, so daß sich um sie die Gemeinschaft gruppiert. Zwischen ihnen und der Gemeinschaft hildet sich dann auch ein ganz eigenartiges Verhältnis gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Liebe aus. Ohne diese zweierlei Führung ist aber Jugendbewegung unmöglich, Jugendgemeinschaft auf die Dauer unhaltbar. Ich kann jetzt zum praktischen Falle des Blau-Weiß zurückkehren. Erstens: Der Blau*Weiß ist eine jüdische Jugendbewegung. Wie