Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 322 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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322 Monzi Spitzer: dürfnis nach etwas, was wir »Jugendbewegung« zu nennen pflegen. Idi will es nun versuchen, das Problem des jugendlichen Individuums aufzuzeigen, woraus wir dann ableiten können, was eigentlich Jugendbewegung ist und was sie für den Einzelnen bedeutet: Der innerste Grund der Jugendlichkeit scheint mir eine ungeheuere Sehnsucht zu sein und eine daraus resultierende Unzufriedenheit mit sich selbst einerseits und der Umgebung andererseits. Der Jugendliche hat sich nämlich noch nicht in die Alltäglichkeiten der Körpern und Geistestätigkeit zersplittert, er sucht noch das Eine, das Wesentliche und Große, den Sinn des Lebens. Vor die Tatsache der ewigen Geburten und Tode ge* stellt, fragt er wozu das alles, wenn es doch ein Ende nimmt? Irgend eine Aufgabe muß doch mit dem Leben verknüpft sein. Er sieht, daß das Getriebe der Erwachsenheit, ob es nun die Brotjagd ist, oder eine geistige »Beschäftigung«, den Sinn des Lebens nicht erfüllt. Er fürchtet, den Sinn des Lebens nie zu erkennen und genau so dahindämmern zu müssen, wie die vorhergehende Generation. Und so entbrenni in ihm eine ungeheure Sehnsucht, den Sinn des Lebens zu erkennen, um so lange noch Zeit ist, das Leben sinnvoll einrichten zu können. Darum sucht er in allem, was ihm neu entgegentritt, die Erlösung aus seinem Zweifel, aus seiner Qual des vergeblichen Suchens. So führt ihn sein Irrweg an den meisten Erscheinungen der Welt des Geschehens und der Welt der Gedanken vorbei. In vielen dieser Erscheinungen glaubt er seinen Sinn gefunden zu haben, bis er sich wieder enttäuscht abkehrt. Das dauert alles so lang, bis er sich entweder einer »Tätigkeit« oder einem »Studium« zuwendet, das ihm die Allumfassenheit der großen Konzeption des Lebens und dessen Aufgabe nimmt. Der eine wird tüchtiger Wissenschaftler, der andere tüchtiger Berufsmensch, Philosoph, Dichter, Schriftsteller, Politiker, Menschheitsbeglücker, nur nicht »Mensch«, »Mensch als Ding an sich«, möchte ich sagen (unbeschadet seiner sonstigen Tätigkeit). So wird Generation um Generation die »Glückschance der Menschheit«, die Jugend vertan. Die Jugend weiß von diesem schrecklichen Schicksal, das ihrer harrt <es gibt allerdings auch solche Leute jugendlichen Alters, die dieses Schicksal gar nicht fürchten, sondern erst recht herbeiwünschen) und versucht es, sich seiner zu erwehren. So protestiert sie z. B. gegen die Art wie Jugend von der vorhergehenden Generation erzogen wird, sie protestiert gegen die Lebensweise der Erwachsenheit, die als Maßstab für ihr Leben genommen werden will, sie protestiert einfach gegen alles,- was sie aber als gut, als das ihre ansieht, das liebt sie mit der nur ihr eigenen Un* bändigkeit und darauf möchte ich Gewicht legen, daß es sich hier um eine tatsächliche, platonische r o t i s c h e Erscheinung handelt. Die Jugend hat ungeheuer viel Gemeinschaftsbedürfnis, wie ja der - Mensch im allgemeinen, gewissermaßen berechtigt als äöov jroXvrtxov be* zeichnet wird. Sie schließt sich überall zusammen, um den inneren Protest gegen die Lebensweise der Elterngeneration zur gemeinsamen Tat an sich zu gestalten, sich selbst zu erziehen, d. n.: sich und ihr persön* liches Wissen einander mitzuteilen, sich aneinander zu stärken und sich