Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 320 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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320 Abraham Grünberg: Capote von Seide und die große Mütze von Sammet — angelegt hatte, so wiederholte ich am folgenden Freitag denselben Streich und empfing wiederum die gebührende Strafe. So ging es bis nahe ans Ende der Bausaison, d. h, bis zu den hohen Feiertagen, wo die neuen Häuser schon alle unter Dach waren. Im Monate Ellul schränkte ich ohnedies meine Besuche bei den Maurern ein, da ich angesichts der herannahenden entscheidungsvollen und schicksalsschweren Tage in mich zu gehen und auf mich selbst zu besinnen pflegte. Im Laufe der Jahre legte sich aller* dings ein wenig meine »Bauleidenschaft«, aber bei weitem nicht ganz. Trotz dieser meiner Vorliebe für die Baukunst war ich mir doch dessen voll bewußt, daß ich in meiner damaligen gesellschaftlichen Stellung nicht Maurerlehrling werden könne, umsomehr, als die Maurer vom Joche der Thora nicht zu sehr beschwert waren, um schon von dem unüberwind* liehen Widerstande von Seiten meiner Angehörigen gegen einen derartigen gottlosen Sdiritt ganz zu schweigen. Schneider und Schuster können nicht als Menschen gelten —- szewey i krawey nie ludzie — heißt es in der stolzen polnischen Sprache und auch der Jude in Polen führt des öfteren dieses harte Urteil über die Gevatter Schneider und Handschuhmacher an, und zwar in der Ursprache, im Polnischen. Ich wünschte im übrigen ein Handwerk zu wählen, daß mehr den Geist, als die eigentliche Körperkraft in Anspruch nehmen müßte, eine »reine Arbeit« <Melacha nekija), die das Thorastudium sofort nadh Beendigung der Arbeit ermöglichte, was wohl von vielen Handwerkern, z. B. von den Gerbern, nicht behauptet werden kann, auch der Talmud hegt bekanntlich keine Vorliebe für die Gerberei. Es stellte sich aber nach und nach heraus, daß meine Eltern, um ihrem Ansehen in der Stadt nichts zu vergeben, mich in Siedice keineswegs ein Gewerbe erlernen lassen wollten, es konnte nur eventuell eine Übersiedlung nach Warschau in Betradit kommen. Gegen den letzten Plan widersetzte sich allerdings noch mein Vater, nicht mehr aber meine Mutter, die die Hauswirtschaft zu besorgen hatte und daher die von Jahr zu Jahr in unserem Hause wachsende Not am meisten spürte. Am ersten Jänner 1898 ist der ßranntweinbetrieb und Verschleiß, der sich bis dahin beinahe ausschließlich in jüdischen Händen befand, von der russischen Regierung ohne die geringste Entschädigung monopolisiert worden und blieb seitdem das Alleinrecht der Regierung. Unter den durch diese pharaonische Maßregel am schwersten Betroffenen befanden sich audi meine Eltern, wie auch viele Verwandte. Es wurde nun der endgiltige Tag meiner Reise nach Warschau anberaumt der erste jijar 5662 <nach den Osterfeiertagen 1902). Mein Vater brachte es nicht übers Herz, mir seinen Abschiedssegen zu erteilen, da durch meine Reise so viel von meinem Judentum aufs Spiel gesetzt wurde: die Gottesfurcht, das Talmudstudium, der reine und gesittete Lebenswandel usf. Dagegen ließ mir die Mutter meines Vaters die heißesten Segenswünsche angedeihen. Meine Großmutter, eine der angesehensten Frauen in meiner Geburtsstadt Chaje Sara, genannt die Fromme <die Chassidiste) — sie konnte sämtliche 150 Psalmen samt allen Gebeten auswendig 2— hatte bereits zur Zeit meiner Abreise das Kranken-