Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 317 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437761--364-3776752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Entschluß zum Handwerk. 317 verwandschafdichen Beziehung zu Arbeitern <Baale Meloches) stehen zu müssen, war man in Polen zu jener Zeit nicht wenig stolz. — Über einen anderen ähnlichen Umstand vermochte idi ebenfalls nicht hinweg^ zukommen. Unter den etwa 300 Mitgliedern, die unser Bethaus vom Anhang der bekannten Wunderrabbigeneration Gora zählte, befanden sich im ganzen drei Handwerker, und zwar drei Schuster, ein alter Vater und dessen zwei Söhne, ebenfalls bereits ältere Männer. Die letzteren galten nun bei uns als Aschenbrödel, obzwar sie Nadikommen Ahrons und sonst auch unbescholtene, ehrenhafte Männer waren. Ihr beständiger Platz war bei dem Ausgange des Bethauses, daselbst verrichteten sie auch den Priestersegen an den Feiertagen, während ich schon als zwölfjähriger Guck-in*3ie-Welt beim Verrichten des Priestersegens eine auszeichnende Stellung neben der Bundeslade innehatte. In den einfachen Bethäusern pflegen die Kohanim die ganze Misrach<ost>- Wand entlang einzunehmen, vor der kleinen Bundeslade können höchstens nuf zwei Priester stehen. — In unserem Bethause teilten sich in diesen letzteren äußerst privilegierten Platz mein Vater und ein anderer Kohen, der sich wohl durch keine berühmte Herkunft legitimieren konnte, aber dafür einen großen Geldsack sein eigen nannte. Ja selbst bei dem durch die Leviten vorgenommenen Händewäschen, das der Verrichtung des Segens vorangeht, bekam ich den Vorrang vor den alten Mitgliedern der Schusterinnung und alles wohl nur deswegen, weil meine Angehörigen sich über die strenge Forderung des erwähnten Rabbi Jehuda leichten Herzens hinwegsetzten. —' Einmal ließ ich mir die Ungerechtigkeit, die meinen engeren Stammes^ genossen, den Priestern-Schuhmachern, beim Händewaschen widerfahren war, so zu Herzen gehen, daß ich den Segen mit wenig Andacht <ka^ wanah) hersagte, und da es am Rosch-Haschana passiert ist, erachtete ich es für notwendig noch einen Fasttag vor Jom^Kippur außer dem Fasttage von Gedaljahu zu absolvieren. Freilich waren unsere Gevatter Schuhmacher keine Lamdonim (Talmudgelehrte), konnten nur mit Ach und Krach der Lektüre des jeweiligen Wochenabschnittes aus dem Pentateuch nachkommen, welch letzterer Umstand mir schließlich über meine bevorzugte Stellung hinweghalf. Es spielten da noch andere lindernde Umstände mit, die zeigten, daß die Befürchtung des rigorosen Rabbis nicht nur unzutreffend sei, sondern die^ selben ließen fcs auch zu, den Spieß umzudrehen und das Gegenteil zu beweisen. — Ich habe da den Sohn Mosche Mordches des langen Melamed im Auge. — Chaim Herschel mußte wegen der großen Armut seines Vaters das Elternhaus verlassen. — Anstatt aber nach einer Jeschiwa <höhere Talmudschule, wo die Zöglinge mit allem Nötigen versehen werden) ging er nach Lodz und ward Weber. — Als er endlich nach Beendigung der Lehrzeit auch die Spesen der weiten Heimreise auf* zubringen im Stande war, kam er auf die Pessachfeiertage nach Siedice. —* Allein wie verändert erschien Chaim Herschel in dem Bethause! Seine Mütze war so klein, daß sie jeden Augenblick vom Kopf herunterzu^ 23