Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 316 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Grünberg: Es gab keine schöneren Feste in Israel als Jom^Kipur und chamischa asar b'Aw, wo Jünglinge und Mäddien zu Tanz und opiel sich in den Weingärten versammelten und sich bei dieser Gelegenheit jeder seine Liebste nach Hause führte. Was aber das Wichtigste ist: Zu diesen Festen durften nur ganz schmucklose, weiß? Kleider getragen werden, die die Mädchen untereinander ausgetauscht haben, um die Ärmeren, die mög* licherweise in geborgten Kleidern erscheinen werden, nicht ihre Armut fühlen zu lassen und sie nicht in den Schatten zu stellen. Es wurde geflissentlich, vermieden den Reichen Gelegenheit zu geben, mit ihrem Reich* tum zu protzen und sich auf diese Weise irgend welche Vorteile vor. ihren ärmeren Schwestern zu sichern. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel frohe und glückliche Menschen sich heute doch bei so. einem Feste zusammenfinden könnten, wenn wir den Mut hätten, wahr und natürlich zu sein und alle uns auferlegten gesellschaftlichen Fesseln zu sprengen. Wir wollen ein neues Leben in Palästina beginnen, wir wollen zur Freiheit und Natürlichkeit zurückkehren, schaffen wir die erste Voraus* setzung hiefür: eine auf gegenseitiger Zuneigung und Wertschätzung sich stützende Familie. K. B. Entschluß zum Handwerk. Ein biographisches Fragment. In dieser Zeit, in der so viel von Berufsumschichtung im Judentum gesprochen wird, dürften die nachfolgenden Seiten, die einen tiefen Einblick in die Problematik des traditionell erzogenen, ostjüdischen Kindes gewähren, be* sonderem Interesse begegnen. »Dem Thorastudium hat sich die praktische Tätigkeit zu gesellen, ist es aber , nicht der Fall, so gedeiht das Studium nicht« pflegte ich an vier Sabbaten jedes Sommers in den Sprüchen der Väter zu wiederholen, und zwar nicht im Cheder, da der Sonnabend ein schulfreier Tag war, sondern zu Hause unter der Aufsicht des Vaters. . Dieser Ausspruch der Väter wurde Lügen gestraft durch viele dem ausschließlichen Studium der Thora obliegenden Männer meiner nächsten Umgebung, die, trotzdem sie der Betätigung im praktischen Leben keine Zeit widmeten, im Rufe von Gelehrten standen. Daher darf es nicht ver* wundern, wenn obiges Zitat mich jedesmal stutzig machte. —' Ein anderer bekannter Talmudausspruch bereitete aber meiner jugendlichen Seele den tiefsten Kummer und flößte, mir geradezu Grauen ein. —* Rabbi Jehuda sagt »wer seinen Sohn kein Handwerk, erlernen läßt, der führt ihn gleich* sam dem Räuberhandwerk zu« .... Demnach müßten meine Eltern, Großeltern, sämtliche Onkel, Großonkel u. s. £ Erzieher und Züchter von Wegelagerern sein, dachte ich mir, denn unter allen meinen Ver> wandten, sowohl väterlicher^ wie mütterlicherseits gab es um die Wende des Jahrhunderts noch, gar keine Handwerker und darauf, d. h.' in keiner