Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 303 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437761--350-3776738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Tätiger Geist. 303 disefreste Mensch, der vollkommenste, ganze Jude. Diesen Typus, Urjude, müssen wir stets vor den Augen unserer Seele haben, wir müssen ihn intuitiv erfühlen und ihn neuschaffen. Jude sein heißt, etwas um der Idee willen wollen, den Geist wollen, sein Dokumentieren, seine Verwirklichung. Da jüdischer Geist sittlicher Natur ist, wollen wir hiernieden zur Verwirklichung ethischer Werte schreiten und dies mit Hilfe unserer Vernunft, unserer wollenden Vernunft. Da man uns »Mystik« vorwirft und »Verweltlichung« von uns fordert, wiederhole ich: Wir verfolgen ethisdie Zwecke mit Hilfe der wollenden Vernunft. Man hat für diese Anschauung den Namen »Neuer Rationalismus« geprägt. Ist das Mystik? Liebäugeln mit dem Geheimen, Welt* und Wirklichkeitsfremden? Sind wir denn nicht weltlicher, »wirklicher« als die Prediger der Heiligkeit der Dinge? Ist nicht Geist zumindest so wirklich wie Natur? Wir wollen das Gegebene, Zeitliche Gegenwärtige ändern,- wir wollen Aufgegebenes, Ewiges, Zukünftiges' Nicht das oeiende, sondern das Seinsollende. Das Seinsollende aber is' der Geist, nein, nicht der Geist, sondern verwirklichter, gestalteter Geist Das Reich des Geistes. Unsere oberste Aufgabe ist: Die Welt nach dem Befehle der höchsten, d. h. der sittlichen, Idee zu ändern. Unser Material ist die gegenwärtige, vielleicht allzugegenwärtige Wirklichkeit, unser Organ die wollende Vernunft, unser Ziel das Reich Gottes, Zion. Nicht ein beflecktes und beschmutztes Palästina, kein Stückwerk, kein Duplikat von Europa mit seiner Lüge und Heuchelei, mit seinen imperialistischkapitalistischen Zwecken, sondern eine Schöpfung, ein Ganzes, Erneuerung, Neugestaltung, ein heiliges Asien von einst: Dies wollen wir. Nur Geist kann für uns Ausgangspunkt sein, nicht aber wirtschaftliche Tatsachen. Wie kann man das Gegenwärtige ändern, ohne früher den Menschen geändert zu haben? Nur ein neuer Mensch, nur der Geistige, vermag die Verhältnisse zu ändern und eine neue Welt zu schaffennur der Geistige vermag Möglichkeiten in Wirklichkeiten umzuwandeln, nur er kann sich von Zwecken befreien und zielbewußt werden. Nicht auf die Änderung wirtschaftlicher Tatsachen kommt es an, sondern auf Änderung der Menschen, auf Änderung der Welt. In unserem Reich des Geistes ist das Wirtschaftliche das Sekundäre, das sich dem Geist unterordnen muß. Der Zionismus will also an Stelle der »wirklichen« eine geistige Welt. Diese Forderung ist nichts Neues, aber auch nichts Angeeignetes, Übernommenes, Fremdes,- sie ist uns ureigen, weil wir Juden, Tatmenschen,?;eborene Verwirklicher sind. Geistige Welt ist eine Aufgabe, die unserer ugend — die eine neue jugendliche Gesinnung in das jüdische Volkstum einführen will und den am Geist jungen vorbehalten sei. Man wird vielleicht jetzt verstehen, warum zionistische Publizisten, Schriftsteller und Dichter <Gestalter der Geistesidee, »Politiker« der Zukunft!) dem Sammelbuche »Zi el« von Kurt Hill er* so viel Aufmerksamkeit gewidmet haben ,• warum dies Buch eine so heftige Diskussion in * G. Müller Verlag, Mündien^Berlin 1915. 22*