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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 301

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 301 (sequence 19)
Language
German
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Else Lasker*SdiüIer. 301 Nun aber hat jeder mißlungene Sprung, der keine Beute, bringt, ungewollt Lächerliches an. sich, erinnert an komische Kapriolen. Wille und Mut sind da, gestaltende Kraft fehlt. Ergebnisse dieses Willens, wenn sie auch zuweilen als Kundgebungen dichterisch Erlebender schätzbarer sind, als manche geglücktere Gestaltung künstlerischerer aber unbedeutenderer Persönlichkeiten, müssen doch in ihrem Dilettantismus erkannt werden. Was unterscheidet den aktiven Künstler vom passiv erlebenden Ge^ nießer, der doch oft weit stärker erlebt? Wohl doch die Gestaltungsfähigkeit der Erlebnisse, die ihnen wirklich hörbaren, sichtbaren Ausdruck verleiht,, Die Gestaltungsfähigkeit setzt eine andere voraus, nämlich die zur Reduktion des Erlebnisses bei der Wiedergabe. Ohne diese Fähigkeit zur Bescheidenheit ist Gestaltung undenkbar, weil die größte Ausdrucksfähigkeit bei Wiedergabe des Erlebnisses in seinem vollen Umfang erlahmen muß, ohne etwas zu erreichen. Das reduzierte Erlebnis wird in der Kunst objektiviert/ so wird die Mitteilung des subjektiven Erlebnisses anderen verständlich. Wer nicht vermag, Erlebnis künstlerisch-einseitig zu reduzieren und es objektiv zum Ausdruck zu bringen, kommt über den Dilettantismus nicht hinaus, der, weil er Erlebnis in ungeminderter Fülle geben will, alle Form sprengt. So findet es nicht den Weg zum anderen Menschen, geht aus den Grenzen des Subjektes nicht hinaus, um Objekt zu werden, und bleibt Gestammel, nur dem Gestalter selber verständlich. Merkmal dieses tragischen Dilettantismus ist eben das Bestreben, alles zu sagen, wenn auch wirr, ord^ nungslos,- weil ihm Gefühl für die Grenzen fehlt, wagt er sich an die Gestaltung des Unausdrückbaren und so kommt bei diesem unbeschränkten Wollen weniger heraus, als beim Schaffen unbedeutenderer, aber maßhaltender Künstler. »Zu viel gefaßt, ist nichts gefaßt]« Goethe hat dies in seinem Entwurf über den Dilettantismus so klargelegt: »Überhaupt will der Dilettant in seiner Selbstverkennung das Passive an die Stelle des Aktiven setzen und weil er auf eine lebhafte Weise Wirkungen erleidet, so glaubt er, mit diesen erlittenen Wirkungen wirken zu können. — Was dem Dilettanten eigentlich fehlt, ist Architektonik im höheren Sinne, diejenige ausübende Kraft, welche erschafft, bildet, konstruiert. — Er hat davon nur eine Art von Ahnung, gibt sich aber dem Stoff hin, anstatt ihn zu beherrschen.« Den Dilettanten sind ihre Werke Erinnerungszeichen für Erlebnisse. Änderen sagen sie wenig, weil alles in ihnen durcheinander, gleichzeitig und verwirrt spricht. Das Subjektive wird bei ihnen nicht objektiv, sondern will in seiner »passiven« Form wirken. Bestenfalls sind solche Schöpfungen einem kleinen Kreis in derselben Empfindungswelt Lebender zugänglich ,- auch ihnen eigentlich nur verabredete Erinnerungszeichen. Buchzeichen, die auf gewisse Stellen im Buche der Erlebnisse hindeuten. Wirkliche Kunst muß selbständiges Leben haben, darf nicht auf Erläuterungen des subjektiven Gesichtswinkels angewiesen sein. An der Dichtung unserer Zeit haften Züge, des trägischen Dilettantismus in seihen hervorstechendsten Kundgebungen, die da sind: Unbeherrschtheit, Launenhaftigkeit, Skurilität, Eigenwille, unbestimmtes, übertriebenes Wollen. In »Der Mensch in der Mitte« spricht Ludwig Rubiner, jüdisch-prophetk 22

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