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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 300

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 300 (sequence 18)
Language
German
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300 Mei'r Wiener: Buchblumen anhaftet. Als dann die Blümlein der Bibel in Staub zerfielen, blieb doch ihr Duft in der Seele zurück, der verdichtete sich zu kleinen Hoheliedperikopen. Man hat den Eindruck: als die Dichterin einst die biblischen Geschichten vernahm, lauschte sie, aber leicht ungläubig und ungeduldig, wie einer, der es längst besser "weiß. Eigenwillig vernahm sie bei der Erzählung nur, was sie bereits erschaut hat zwang die gehörten Geschehnisse in den eigenen Rahmen was sich nicht fügte, wurde überhört. Kaum war der Erzählende zu Ende, als die Dichterin lebhaft gleich einem Augenzeugen zu erzählen begann wie es eigentlich zuging, legte dabei was sie unbewußt vom eben Vernommenen aufnahm, in Bildformen, die zu anderen Zwecken geprägt wurden. Zuweilen fast mit Absicht, und manches ward dabei erreicht. Zebaoth ist ein »Götterjüngling«, Pharao hat ein »Träumerisches Herz, das in süßer Liebe zu Joseph pocht», Josua kennt sie als »wilden Juden«. Zwei kleine Hoheliedsprüchlein: »Boas« und »Ruth« sind neue Blumen für den alten Strauß. Von Abraham erzählt sie eine flitterneue Agadah, wie er den Altar schmückt mit »des Meeres Muscheln«. Warum gerade mit Muscheln? Die Dichterin bevorzugt gewisse stereotype Begriffe und fast triviale Bilder. Oft kehren sie wieder, die Vergleiche mit Engein, die Nachtigall auf den Lippen, der Stern auf der Schläfe, »Gold« und »golden«. Eine absonderliche Vorliebe für das Nipphafte, für flimmernden, billigen Flitter, zu der sie sich auch ausdrücklich bekennt. An Votivherzen in katholischen Kapellen, an Glasperlen und häßliche Drahtkränze, an gemalte Englein, aufgeklebt auf Lebkuchen in Herzform, an Ablaßtagen in Marktbuden aufgehäuft —' an all dies erinnert manches in ihren Gedichten. Diese wenn auch rührend^naive Abgeschmackt^ heit stört und gibt ihrer Dichtung etwas Primitiv-Katholisches, von dessen Geneigtheit zur resoluten Vermenschlichung Gottes, von dessen gröberen Gottgläubigkeit und Hang zu täppischen Flitterdarbringungen. Neben diesen Balladen hat auf mich der Zyklus »Gottfried Benn« den stärksten Eindruck hinterlassen, als Kundgebung einer tief erlebenden, dichterischen ~~ wenn auch nicht eigentlich künstlerischen — Persönlichkeit. Denn zweierlei Gestaltungsarten sind zu unterscheiden. Eine besonnen heranschleichende, die den Gegenstand kühl umkreist und unterjocht, nennen wir die epische. Die wildere, die ohne lange zu überlegen, kühn zum Sprung ausholt und mit großer Sicherheit das Bild, dem sie nachjagt, packt, nennen wir die lyrische. Sie kennt keine Vorbereitungen, kein Ausbreiten und Ausladen, beginnt mit dem Schluß, mit dem Endergebnis. In dem, was man üblicherweise Lyrik im weiteren Sinne nennt, lassen sich beide Gestaltungsarten gut unterscheiden. Die eigentliche wilde Lyrik ist am stärksten bei den Propheten und Psalmisten der althebräischen Literatur zu finden. Es gibt aber Begabungen, deren Veranlagung auf diese wilde Lyrik gerichtet ist, allein die vorhandene Kraft reicht nicht aus. Und so fehlt dem Sprung, dem Griff der Tatze die eigentliche wilde Sicherheit, die keinerlei Absichtlichkeit und Innerlichkeit ersetzen kann. Der Sprung ist danij ebenso wild, ja vielleicht noch plötzlicher, höher, aber die Tatze schlägt neben der Beute nieder, wenn auch hart daneben.

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