Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 297 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437761--344-3776732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Else Lasker-Sdiüler. 297 abstrahiert/ sie soll abtreten, so sie ihren Dienst erfüllt hat, Raum lassen den Kommenden, damit sie ihren Sinn, mit dem sie in keinem Verhältnis steht, nicht verwirrt. Zuweilen soll die Trope nur einen abstraktsubjektiven Wert ausdrücken <»Dein Angesicht ist der Koran«) so kann es geschehen, daß andere Eigenheiten desselben Bildes der erstrebten Wirkung geradezu widersprechen. Das würde der Abendländer »hyperbolisch«, abgeschmackt nennen, weil er nicht umhin kann, das Bild bis in alle Einzelheiten durchzuführen. Seine Gleichnisse, Tropen und Bilder sind wirklich im dargestellten Zusammenhang empfunden, darum veran^ schaulichen sie, passen sie zum Ganzen. Der Orientale will nicht auf die Phantasie »wirken«, sondern auf das Werturteil, auch im Ästhetischen, durch Wertanalogie, nicht durch unmittelbare Schönheitsschilderung : »schön wie eine Rose«. Für weitere Eigenschaften werden weitere Vergleichs^ jobekte herangezogen, deren jedes nur seinen eindringlichsten Hauptwert — oft nur ein vages Symbol —' auszudrücken hat. Die orientalische Lyrik flattert von Bild zu Bild, bringt sich so ihren Honig zusammen. Manchmal ist es in ihren Gleichnissen und Bildern nur auf einen unbestimmten Unterton, den ein Wort oder Bild in uns in Schwingung bringt, ab^ gesehen. Darum darf man dabei nicht an das tatsächliche Bild denken, nur das unmittelbar hervorgerufene Gefühl soll festgehalten werden, nur auf dies deutet die Trope hin. Wer auf das Grobwirkliche im Gleichnis und Bild eingestellt ist, wird sich in persische Lyrik z. B. nie einleben wollen, denn er prüft jedes Bild, ob es »stimmt«, haftet am Körperlichen des Symbols, hält sich genau ans Bild <auch in der Gotteslehre), nimmt es »beim Wort«, und gelangt zu wirren Exzessen und Widerspruchs^ vollen Ungereimtheiten. Bei Übersetzungen entkleidet er unwillkürlich den Grundgedanken von den Tropen und bringt sie sich so »entwirrt« näher. Ähnlich ist sein Verhältnis zur orientalischen bildenden Kunst und Or^ namentik. Goethe, der sich um das Verständnis orientalischer Lyrik be^ mühte, konnte sie sich nicht anders erklären, als daß sich in ihr Ursprünge lieh »richtig« angewandte Tropen allmählich »dergestalt vom Gegenstand wegverlieren, daß kein Verhältnis mehr, weder gedacht noch empfunden werden kann«. Noch klarer präzisiert sich der Unterschied zwischen griechisch-okzidentaler und semitisch-orientalischer Auffassung in den Sätzen: »Denn wenn s i e nach entfernten und immer entfernteren Tropen haschen, so wird es barer Unsinn,- höchstens bleibt zuletzt nichts weiter als der allgemeinste Begriff, unter welchem die Gegenstände allenfalls möchten zusammenzufassen sein, der Begriff, der alles Anschauen und somit die Poesie selber aufhebt«. <Noten zum W.~ö.-D.> Ohne »Anschauen« kann sich Goethe keine Poesie denken, und so er^ klärt er jene in den Tropen ersichtliche Neigung zur Abstraktion als eine Entartung, wie sich auch dementsprechend sein Verhältnis zur Gothik gestaltete. Ein Pamphletist formuliert seine Ratlosigkeit dieser orientalischen Eigenart gegenüber so: »Wie über allen Gipfeln Ruh7 ist, teilt sich Goethe, teilt er uns in so groß empfundener Nähe mir, daß die Stille sich als eine Ahnung hören läßt. Wenn aber ein Fichtenbaum können. Die scheinbar mitmachen