Mannheim
Compact Memory

Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 294

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 294 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3776398-6437699-6437761--341-3776729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

294 M c i r Wi e n e r: sonders jüdisch empfunden wird, so daß es Peter Hille* veranlassen konnte, in Lasker^Sdiüler »Die jüdische Dichterin« zu sehen. Zunächst wohl äußerlich die ofte Verwendung von Tropen, Bildern und Gleichnissen, die uns »orientalisch« anmutet,- nur der Morgenländer** gibt seinem Entzücken durch Tropen und Bilder Ausdruck <Hohelied, Lyrik der Perser), und~die Gedichte der Lasker^Schüler sind lauter Entzückungen. Auch abendländische Dichtung bedient sich der Bilder, aber nur der Anschaulichkeit wegen,- wo es in der Uiade gilt, bei Schilderung von Kampf und Getümmel, Leidenschaft in Form zu bändigen, wird ein beruhigendes, Anschaulichkeit förderndes Gleichnis entfaltet. Nicht so die morgenländische Lyrik. Ihr Bild, ihr Gleichnis soll nicht veranschaulichen, nur Symbol sein, schönes Symbol. Nicht soll ein Geschehen mit Hilfe eines vertrauten Vorganges enthüllt werden, sondern in prächtig gestickte Schleier verhüllt »durch die Blume« sprechen. Sie ringt nicht mit dem Ausdruck um Begreiflichkeit, dies ist nicht wie im Westen Hauptstreben, im Gegenteil wählt sie-eine durchaus persönliche »Blumensprache«, damit die Erlebnisse Unbeteiligten nicht nackt bloßliegen***. Das abendländische Gleichnis erklärt, rationalisiert, wie sonst alle westliche Geistestätigkeit/ das morgenländische verhüllt persönliches Geheimnis. Dort dient es zur Veranschaulichung, darum ist das Vergleichsobjekt gleichgültig, wenn es nur auf die erstrebte Eigentümlichkeit des Erzählten hinlenkt, hier sollen die Tropen schmücken, darum muß das Vergleichsobjekt selber schon an sich als Symbol Wert haben, Gehobenheit nur noch steigern,- es selber soll schon »ergreifen«. Beispiel: das Bild vom Nachtfalter, der die Kerze umkreist bis ihm Licht Verderben wird, aber auch Läuterung: Goethes »Stirb und werde!«, bekanntlich der persischen Lyrik, der es geläufig ist, ent*- steinen zweckfrei schmücken, er ist in einem tiefen Sinn Romantiker. (Wesentliches im westlichen »Romantismus« in Literatur und Leben ist auf maurische Anregung zurückzuführen.) Der Okzidentale schildert das Erlebnis exakt, wie es ist, er lernte als erster Natur und Gedanken »genau« messen, so schuf er Wissenschaft. Aufs Praktische gerichtet, strebt er zur nutzvollen Wahrheit, zur Tat-Sächlichkeit. Er wünscht, nicht zu übertreiben, nicht zu verkleinern, nicht zu vergeistigen, vom Körperlichen nicht abzusehen: kurz, er erstrebt Realität. Daher die griechische Plastik im Gegensatz zur ägyptischen so ohne jedes Gedankengekräusel. Der Orientale ist mehr Ästhetiker, weil sein Denken, Erleben, Gestalten, Schildern, am schönen Zwecklosen sich ergötzt und nicht auf Praxis gerichtet ist. Daher seine Begabung für das Transzendente. Der Okziden- * Geleitwort zu den gesammelten Gedichten von Else Lasker^Schüler, im Verlag der Weißen Bucher in Leipzig, Unter »Orientalen« sind hier neben den Semiten jedenfalls auch die Perser gemeint/ unter »Okzidentalen« die Träger der europäischen Kultur, sofern sie die Erfüllung der griechischen ist. *** »Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben, jenen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zu Teil, damit sie sehend sehen und doch nicht erkennen, hörend hören und doch flicht verstehen usw.« (Mark. 4. n—12.) So denkt sich der Evangelist die Bestimmung des Gleichnisses. nommen. Der Orientale will sein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.