Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 293 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Meir Wiener: Else Lasker»Schüler. 293 frei zu bleiben. Die Erkenntnis ist Gewissensangelegenheit des Einzelnen. Das gemeinsame Gesetz aber handelt nidit von dem, was man denkt, sondern von dem, was man tut. Dieses vom Gesetz vorgeschriebene Tun wird als »jüdische Volkstradition« aufgefaßt, die lebendig erhalten werden soll. Hiedurch gewinnt das Verhältnis zum Religionsgesetz jene Elastizität, die — obwohl sie dem Strenggläubigen ein Greuel sein wird —' dennoch nun einmal notwendig ist, wo nicht mehr die Sicherheit ungebrochenen Glaubens, sondern das reflektierende freie Bewußtsein entscheiden soll. Es ist eine Schmiegsamkeit der Auffassung, die ein Leben im Geiste des Volkes erlaubt, ohne den Geist des Individuums zu vergewaltigen. Heß7 Stellungnahme zum Christentum ist durch die Grund* gedanken bestimmt, daß das Judentum eine soziale Religion ist, der christliche Individualismus dagegen für die Bedürfnisse einer Zeit ge~ schaffen wurde, in welcher die sozialen Bande sich gelöst hatten und das Individuum elend, jedes sozialen Bandes bar war. Will dennoch das Christentum den Menschen in den Schoß der Gesellschaft zurückführen, so muß es wieder nur im Judentum Wurzel schlagen. Hier spricht Heß über die jüdische Auffassung der Individualität und der Unsterblichkeit tiefdurchdachte Worte aus, deren historisch wichtiger Kern gewiß nicht wenig dadurch bekräftigt wird, daß in unserer Zeit der von ganz andern Prämissen ausgehende Achad Haam zur selben Auffassung gelangt. Für das alte Judentum existiert das Problem der individuellen Unsterblichkeit und Erlösung nicht, weil es da kein isoliertes Individuum gibt/ der Einzelne ist nur Teil des sozialen Gebildes, dessen Erlösung der Messianismus bedeutet. Heß spottet über das egoistische Chacun pour soi der christlichen Unsterblichkeitslehre. Ob freilich dieser Spott berechtigt war, ob nicht vielmehr die durchgängige Auffassung des Individuums als Teil der Gesellschaft dem Werte der Persönlichkeit Abbruch tut, ob wir daher in der nachjüdischen Entdeckung der Persönlichkeit einen höheren Grad der Gesittung erblicken sollen — dies möge der Leser sich selbst beantworten. Heute machen uns junge Juden wie Franz Werfel <»Die christliche Sendung«) diese nur-soziale, nur-politische Wertung des Individuums zum Vorwurf. Wenn Heß über den Egoismus der christlichen Erlösungslehre spottet, die das Individuum chacun pour soi erretten möchte, so wird man ihm wohl erwidern, daß umgekehrt der Geschichts^ sabbat, die Vollendung der menschlichen Gesellschaft, noch immer nicht die Sündlosigkeit und Erlösung des Einzelnen bedeutet. Heß7 ein* seitiges soziales Judentum und das »Neuchristentum« einzelner junger jüdischer Denker von heute weisen beide nach einer höheren Synthese von Individuum und Gesellschaft, die zu finden Aufgabe der erneuten jüdischen Gemeinschaft sein wird." Hugo Bergmann. Else Lasker^Schüler. Meinem Bruder Schadina. Aufschlußreich, für das Verständnis der Gedichte von Else Dasker- Schüler unerläßlich, ist es, der Ursache nachzugehen, was in ihnen als be^