Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 8-9 (Nov. Dez. 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 292 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Hugo Bergmann: Über Moses Heß. überhaupt nicht mehr zu kennen, trotzdem sie gerade auf viele ihrer eigenen Fragen sich bei ihm Belehrung und Anregung holen könnte. Zwar sdion als bloßer »Vorläufer« des Zionismus ist Heß von einzig dastehender Tiefe der Auffassung und Wärme des Gefühls. Seine Aus* führungen über den Chassidismus stehen turmhoch über allem, was zu seiner Zeit und noch lange nachher über das Thema gesagt wurde. Seine Worte an die Ostjuden im fünften Brief, das Bild von der Narbe im Antlitz der Geliebten <n. Brief) sind von hinreißender Gewalt des Gefühls. Ich möchte hier aber vor allem auf die Gedanken hinweisen, die Heß in den Geisteskampf des Judentums geworfen hat und die heute mehr denn je wert sind, lebendig zu wirken. Der Grundgedanke ist: Die enge Verbindung des Judentums mit der Zeit und dem Werden. Während die heidnische sehen, während daher das Ideal der Griechen die Ruhe, die vollendete Schöpfung ist, beherrscht den Juden »die Agitation« für alles, was in der mensdilichen Welt sein soll, der Welt, die n o ch n i ch t vollendet ist. »Einerseits der weise Genuß der Gegenwart, anderseits die feste Hoffnung auf die Zukunft.« So sind die Juden das klassische Volk der Wertung der Geschichte, wie denn überhaupt die Idee einer Menschheitsgeschichte ein Geschenk Judas an die Menschheit ist. Nichts ist dem Judentum ferner als jene Geschichtsverdrossenheit, die kürztich erst wieder Meyrink mit den Worten zum Ausdruck brachte, was unsere Zeitungen uns als »Neuestes« erfahren lassen, sei dasselbe, »was schon vor Jahrtausenden in blau genau so passiert ist.« In der glänzenden Parallele Hegels und Schopenhauers, die Heß in einer Note durchführt, erweist sich denn auch die geschichtliche, genetische Weltanschauung Hegels als die unserem Geiste verwandte, während sich Schopenhauers Judenfeindschaft hier wohl an ihrer tiefsten Wurzel enthüllt. Das Juden* tum ist Geschicfitsreligion, weil es das Gesetz Gottes in der Geschichte offenbart. Dieses Gesetz ist bestimmt durch sein Endziel: Das messianische Zeitalter, den »Geschichtssabbat.« Man wird wohl, seit den Juden die frühere Selbstverständlichkeit des messianischen Glaubens verloren gegangen ist, dies als Maßstab der Größe eines Juden aufstellen können: wie innig und fest, be' emunah schlemah, er an das Kommen des messianisdien Zeitalters glaubte. Und man wird mit tiefer Ehrfurcht die Sicherheit bewundern, mit der Moses Heß, der Sozialist, an die Vorsehung, an das Judentum als Religion der Vorsehung und an das nahe Kommen des Vorgesehenen, des Gesdiichtssabbat glaubte. Heß7 Stellung zur jüdischen Religiosität scheint mir gerade för viele von uns, die den Ansdiluß an die Substanz des Judentums, seine Tradition, suchen, ohne ein Opfer ihres Intellekts bringen zu können, vorbildlich. Indem er das Judentum als historischen Prozeß auffaßt, dessen einziges Dogma, die Einheitslehre auch wieder kein starres, äußerlich ge* gebenes und darum unfruchtbares Urteil, kein toter Glaube, sondern eine stets von neuem^dem Geiste des Judentums gestellte Aufgabe ist, gewinnt er die Freiheit, sich dem Judentume zu unterwerfen und dennoch Auffassung des Menschen dem Werden ins Auge zu