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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 290

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 290 (sequence 8)
Language
German
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290 Bruno Frei: Ghetto. Die Schiffgasse und ihre Umgebung verbreitet den Schauer des Schreckens unter alle Menschen, die sie kennen. Alle Plagen Ägyptens und die Gebreste der orientalischen Hafenbettler sind zu einer groß* artigen Dauerausstellung vereinigt. Dirnen kreischen, Juden feilschen, klagende Töne klingen aus den offenen Fenstern der zahllosen Bet* häuser. Zankende stürzen, die Fäuste an der Gurgel, die Treppe eines Wirtshauseinganges herab. Eingesalzene Heringe, drei Volksküchen und die Schmutzkiste vom Karmelitermarkt, bilden eine zweifelhafte Geruchseinheit. Im Gedränge des zerrissenen und schmutzigen Volkes, erblickt man einzelne Lichtgestalten, ehrwürdige Köpfe, patriarchalische Denkerstirnen. Das Ghetto Wiens ist aber auch lehrreich,- sehr lehrreich sogar für den Verstehenden. Rings um das »Heim der orthodoxen Juden«, ein Heim von fragwürdigem Wert, drängen sich Händler, wie auf einem persischen Bazar. Jeder ein Paar alte Schuhe in der Hand, oder eine gebrauchte Hose,- flüsternde Anbote, entrüstete Rufe, alles im Tonfall des Ghetto. Die Kettenhändler im kleinen, zugegeben. Die Kaufläden an den Straßenecken, ebensoviele Nester des Schleichhandels, Wohnungen, in denen Ware verhandelt wird, polnische Juden mit zerrissenem Rock, aber mit vielen Hundertern in der Tasche, schwärende Wunden am Körper der Gesellschaft, zugegeben. Aus der sumpfigen Enge dieser Gasse streben die Großzügigen hinaus. Freiheit der Handlung, Platz dem Streben! Wer wagt, gewinnt. Das Große muß gelingen. So ziehen die Jünglinge der Gasse hinaus und schachern im Großen, werden dick vom Verdienen, freuen sich der guten Geschäfte und kennen keine fleischlosen Tage. Krebsschaden der Gesamtheit. Alles zugegeben. Aber! Es erhebt sich ein Einwand von unendlichem Pathos. Denn inmitten der üppig Verdienenden gehen in der gleichen Tracht des Ghetto die amtiefsten Gebeugten,- im Hause des bärtigen Greißlers wohnen die Flüchtlinge aus Palästina, in der Sprache der am Kriege gewinnenden Dunkelmänner sprechen auch die hilflosesten Frauen, die ich je gesehen. Nicht das ist der Einwand gegen die Hetze des lebendig Gewordenen Mittelalters, daß Bauern, die keine zweitausendjährige chachererziehung genossen, den frechsten Juden an Frechheit übertrumpfen / nicht damit allein kann man die Mäuler der schuldbeladenen Pogromrufer stopfen, daß man auf Verdienste weisend, die Sünde verheimlicht,- sondern die schwangere Frau, deren erstes Kind vor Hunger gestorben, die fünf Familien, die zu unsinnig hohem Preise in einer Wohnung Rast gefunden, die wandernden, heimatlos gejagten Scharen, die von der Flüchtlingsunterstützung allein leben, die Bresthaften, Kranken, die Gläubigen und Guten, die leidenden Kinder, sie alle legen gewaltiges Zeugnis ab, daß nicht alle Juden Teil haben an der Sünde der Wenigen, sowie nicht alle Früchte des Baumes schlecht sind, wenn auch einige faulen. Wer wird es wagen, vor das Haus Schiffamtsgasse 11 zu ziehen, das Haus, in dem etwa 59 palästinensische Flüchtlinge, fast nur Frauen und Kinder, zusammengepfercht, jämmerlich unterstützt, auf fremden Betten

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