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Jerubbaal · 1918-11-01 · 8-9 (Nov. Dez. 1918) · p. Seite 289

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
8-9 (Nov. Dez. 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 289 (sequence 7)
Language
German
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Bruno Frei: Ghetto. 289 Männer, Frauen und Kinder. Hier war das Leben schon so wie so nicht mehr zu retten, es war nichts mehr zu fürchten. — Da will ich euch, jungen Juden, sagen, was klugen, reifen zu sagen, ich nicht wagen würde. Leicht und billig ist es allerdings uns, von der Gefahr Fernen, über jene, vom Tode umlohten, ein kritisches Urteil zu fällen. Und doch muß ich in Zerknirschung sagen: Wären die in diesen Häusern verbrannten Menschen Söhne irgend eines anderen Volkes gewesen, es hätten sich dort schon irgendwelche Äxte, Hacken, Messer, Eisenstangen gefunden, mit denen zumindest die Männer, wenn schon nicht sich gerettet, so doch ihren Martertod nicht ganz ohne Gegenleistung erlitten hätten, mit denen sie, wenn ihnen schon ein Weiterleben in diesem Jammertal nicht vergönnt wurde, diese »Hüter an den Toren« zu einem Leben im besseren Jenseits mitgenommen hätten. — — Müssen alle Polen die Hunderte von Juden auf dem Gewissen haben, die hingemordet worden sind, so haben wir alle — denn das liegt in unserer völkischen, unser allen Art — haben wir alle die Hooligans auf dem Gewissen, die vor den Toren der mit Juden verbrannten Häuser nicht gefunden wurden. Abraham Schwadron. Ghetto. <Gesdirieben im Juni 1918). Ich wollte sehen und ich habe gesehen. Racine. Es gibt wahrlich nichts Neues unter der Sonne. Jehova zürnt seinem Volke und jagt es von Ort zu Ort. Unstet und flüchtig treibt es sich durch die Lande und siebenmal verstoßen kehrt Ahasver ewig wieder. Jüdische Flüchtlinge aus Palästina. Glaubt man nicht die Kriegswagen Babylons und die römischen Legionen unter Vespasian zu sehen, nicht die Propheten des alten Bundes klagend ihre Stimme erheben, ob des Unterganges der heiligen Stadt und der Wegführung ihrer Söhne und Töchter hört man von Flüchtlingen aus Judäa? Gläubig zogen die Väter, getrieben aus der Enge der galizischen Judengasse, gläubig an das Licht der Zukunft. Betrogen kehren die Enkel heim, gejagt vom Feinde, der überall ist, betrogen von allen, sterbend vor Hunger, gemustert vom Tod, die Augen ohne Tränen, die Herzen starr, müdes Entsetzen auf den Zügen. Sie kehren heim auf dem uralten Weg über das Goldene Horn in die Hauptstadt des Reiches, aus welchem Großvater gezogen. ^~~~~~>~^~~-'<->~~~~~'*~''-*^~-< — Audi Wien hat ein Ghetto. Wohin sollen die Kinder der Gasse flüchten, wenn nicht in das Ghetto? Die Große und die Kleine Schiffgasse und die Schiffamtsgasse erschallen von alttestamentlichen Namen und der Straßenstaub von Tiberias und Jerusalem mengt sich mit dem Kanalgestank der entsetzlichsten aber zugleich auch lehrreichsten aller Gassen Wiens.

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